Kurzgeschichten

Kurzgeschichten schreibe ich besonders gerne, weil sie erlauben, fremde Welten und außergewöhnliche Situationen zu erkunden, ohne sich gleich zu einem ganzen Roman zu verpflichten – auch wenn ich es bei so mancher Geschichte dann doch nicht lassen konnte, sie zu etwas Längerem zu machen. 

2019

Fundsachen

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Er hörte seine Stimme zum ersten Mal auf einer Party, auf die er sich gezwungen hatte zu gehen, auch wenn er dort niemanden kannte und sich schon auf der Türschwelle unerwünscht fühlte. Die Bierflasche bot wenigstens Beschäftigung für seine Hände, die Chipsschüssel ein kurzfristiges Ziel, auf das er zusteuern konnte. Dann stand er da, mit dem Rücken zur Wand, viel zu nah an der Tapete, und ließ den Blick durch die Menge der lachenden Gesichter, plaudernden Münder, wild gestikulierenden Hände huschen. Die Musik nahm er gar nicht wahr. Bis der Bass verstummte und der Sänger anhob. Klare, warme Töne schwebten durch die Schwaden aus Rauch, die durch die angelehnte Terrassentür hereinzogen, und selbst aus dem klapprigen Radio klang seine Stimme wie eine Einladung. Der Kreis aus Gesichtern um ihn herum verschwand, ebenso die Verlorenheit, und einen glücklichen Moment lang war alles, wie es sein sollte. Er stand allein auf dieser Party, aber das war okay so. Gewollt sogar. Die Worte aus dem Rauch richteten ihn auf, ließen ihn erkennen, dass er die Gesellschaft der anderen nicht brauchte. Solange er mit sich selbst glücklich war, waren sie nur Lärm, weißes Rauschen im Hintergrund seines Lebens.



Er verließ die Party, bevor das Lied endete. Weil er es nicht ertragen hätte, nach dem Verklingen des letzten Wortes noch dort zu stehen. Zu Hause tippte er den Refrain in die Suchmaschine ein, in Anführungszeichen, um ganz sicher zu sein, und begegnete sich selbst. Nicht ganz, das musste er zugeben, aber die Ähnlichkeit war verblüffend. Blasse Augen blickten ihm aus einem unscheinbaren Gesicht entgegen, mit einem Trotz, den selbst Make-up und Photoshop nicht vollständig überdecken konnten. 
    Er klickte sich weiter zu seinem Twitter, dann auf Instagram. Hunderttausende Follower für ein Bild vom Albumcover und ein paar unbeholfene Schnappschüsse. Er begriff nicht, wie dieser schmale Junge es geschafft hatte in der großen Glitzerwelt. Er trug ja sogar dieselben Kleider wie er. Naja, fast. Ein bisschen bessere Farben vielleicht. Er zupfte am löchrigen Kragen seines T-Shirts – warum ein neues kaufen, nur weil das alte nicht den Vorstellungen einer selbsternannten Modepolizei entsprach – und blickte wieder auf den Bildschirm. 

    Dilan. 

    Der Junge hieß Dilan.



Sein Name blieb nicht das einzige, was er über Dilan herausfand. Unermüdlich suchte er nach weiteren Details aus seinem Leben, wühlte sich durch Jahre alte Facebookposts und endlose Twitterthreads. So erfuhr er, dass Dilan in Kanada aufgewachsen und mit 15 Jahren nach New York gezogen war, wo ihn ein Producer quasi über Nacht entdeckt hatte. Wortwörtlich, so scherzte dieser Producer in einem Interview. Für die Musik hatte er die Highschool geschmissen und war quer durch die States getrampt, um den Sänger zu treffen, der später sein Gesangslehrer werden sollte.
    Als er seiner Mutter die Geschichte erzählte, schnaubte sie ungläubig. Ob er denn alle Geschichten glaube, die Marketingabteilungen ausspuckten, um mehr Alben zu verkaufen. Er drehte den Kopf weg und verbarg seine Kränkung. Dilan war anders, das begriff sie einfach nicht. Allein seine schlecht belichteten Bilder: widerspenstige Haarsträhnen im nebeldurchzogenen Licht, im Hintergrund Abdrücke von Lippenstift an halbvollen Cocktailgläsern. Dilan war echt, und seine aufsässige Stimme gab ihm Hoffnung. My Only Love tröstete ihn darüber hinweg, dass sein bester Freund lieber mit den anderen Jungen aus der Klasse zum Baggersee ging, als sich mit ihm an den Computer zu setzen, und Boy On Fire ließ ihm das Herz in der Brust so weit anschwellen, dass es ihn mühelos an den Jugendlichen vor dem Getränkemarkt vorbeitrug. Solange die Musik lief, brauchte er keine Anerkennung, um er selbst zu sein. Solange er Dilan hörte, konnte er es mit der ganzen Welt aufnehmen.



Dann geschah das, was mit jeder ersten Liebe aus Teenagertagen passiert. Dilan verschwand eines Tages einfach. Die drei Alben, die er sich nach langem Betteln bei seiner Mutter hatte kaufen dürfen, blieben in der elterlichen Wohnung zurück, begraben unter alten Stofftieren in einer Holzkiste. Als es ihm hätte auffallen können, waren längst andere Dinge in sein Leben eingezogen. Lange Abende in der Bereichsbibliothek der Philosophischen Fakultät, wo er gemeinsam mit einem Kommilitonen staubige Bände wälzte. Tomatenpflänzchen auf dem winzigen WG-Balkon, die schon im ersten Sommer Früchte trugen, und ein Praktikumsangebot aus dem Nichts, das ihm zwei Jahre nach dem abgebrochenen Studium doch noch einen Arbeitsplatz verschaffte. 

    Er hätte Dilan vielleicht nie wiedergesehen, wenn nicht dieses Video gewesen wäre. Ein Aufblitzen in seiner Timeline, zu dem er zurückscrollte, als er begriff, was er da gesehen hatte. Das Gesicht des Producers, inzwischen aufgedunsen und gealtert, doch selbst im Blitzlichtgewitter vollkommen unbeweglich. Auch Dilan sah man die Veränderung an, in den gegelten Haaren und dem festen Blick. Zu diesem Gesicht wollten Songs wie Paint Your School einfach nicht passen. Atemlos startete er das Video, sah die Schrift vor seinen Augen vorbeifliegen. Knebelvertrag. Vollkommene Kontrolle über das öffentliche Image. Unmenschliche Arbeitszeiten. Körperliche Belästigung. Er hörte die ersten Takte des neuen Liedes, des ersten, wie Dilan sagte, eine Spur des alten Trotzes in der Stimme. ‘Cause You Don‘t Own Me. Sie blieben ihm im Ohr hängen, bis er abends im Bett lag. So hartnäckig, dass er schließlich doch aufstehen und nach einem seiner alten Videos suchen musste. Als der Bass verstummte und die ersten klaren, warmen Silben durchs Wohnzimmer hallten, meinte er, selbst den Rauch wieder riechen zu können. Am Text an sich hatte sich nichts geändert. Dennoch konnte er das Gefühl nicht abschütteln, das irgendetwas nicht stimmte. 
   Als wäre ein Teil seines Körpers weggebrochen, ohne dass er es gemerkt hatte. 

2018

Friendly Reminder

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Plötzlich klopft es an der Tür. Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass es zu tief in der Nacht ist, als dass es ein Freund sein könnte. Die Postbotin, der Handwerker und dieser eine Typ, der alle paar Wochen mit seinem Klemmbrett vor der Tür steht und nach deiner Meinung zu einer Baumaßnahme fragt, von der du wieder nichts mitgekriegt hast – sie alle liegen sicher längst in ihren Betten. Genau wie du. Bis es an der Tür klopfte. 

 Du kannst jetzt nicht liegen bleiben. Den Laptop hast du schon zugeklappt, eine erste Schreckreaktion, um zu verhindern, dass das Licht nach draußen dringt. Der Boden unter deinen nackten Füßen ist so kalt, dass du erschrickst. Das Messer liegt in der obersten Schublade unter der Küchenzeile, ein stumpfes Ding zum Apfelschälen, aber besser als nichts. Deine Wohnung ist so klein, dass du sie selbst im Dunkeln lautlos und schnell durchqueren kannst. Die Küchenzeile liegt direkt neben der Tür. Du hältst die Luft an. Kein Geräusch von draußen. Hast du es dir am Ende nur eingebildet? 

 Da klopft es wieder. Du stehst in der Schwärze wie eingefroren, eine Hand nach der Schublade ausgestreckt. Beim Öffnen wird sie knarren, und wer auch immer dort draußen steht und vielleicht das Ohr an die Tür drückt, wird dich hören. Ist das gut? Wenn er weiß, dass jemand zu Hause ist, wird er dann weiterziehen? Mit einem Mal hat er eine Gestalt, dieser Mensch dort draußen. Sind es vielleicht sogar mehrere? Dein Herz hämmert so heftig, dass es dir das Atmen unmöglich macht. Deine Finger berühren die Schublade. Im Dunkeln ist dir die Wohnung fremd und hinter dem Schrank lauern Schatten, die du noch nie zuvor gesehen hast. Denk nur, wie dünn diese Wände sind. Wie schwach die Tür und wie nutzlos das Schloss. Wenn jemand hier einbrechen will, dann kommt er auch rein. Ein Schlag mit dem Hammer genügt, um die Tür zu beschädigen – einen Hammer kann sich jeder kaufen – und dann ein kräftiger Tritt, um sie aus den Angeln zu reißen. Hast du gedacht, in deinen eigenen vier Wänden wärst du sicher, ganz alleine in diesem Zimmer, das schon seit Wochen niemand betreten hat außer dir? Wie lange würde es dauern, bis jemand dein Verschwinden bemerkt? Zwei Tage? Drei? Wenn du ein paar Tage nicht auftauchst, denken sie bestimmt, du bist krank. Das ist doch verständlich, das muss man auskurieren, da hilft es auch nicht, wenn man anruft. Sie können ja nicht wissen, dass du mit eingeschlagenem Schädel auf dem Teppich vor dem Schrank liegst, das Schlafshirt bis unter die Achseln hochgezogen, denn wer weiß, was die vor der Tür noch so im Sinn haben. Dir ist heiß. Das Blut pulsiert an Stellen, die du dir nicht erklären kannst. Was ist das? Ein irrwitziger Versuch deines Körpers, sich auf das Unausweichliche vorzubereiten? Du schaffst es endlich, die Schublade ein winziges Stück aufzuziehen und das Messer in die Hand zu nehmen. Keine Regung draußen. Wohin sollst du überhaupt stechen? Was ist, wenn sie dir das Messer abnehmen und es gegen dich verwenden? Denk nur, wie dünn die Haut am Hals ist, an den Handgelenken und an der Schläfe, wie zerbrechlich deine Schlüsselbeine und die Finger sind. 



Draußen regt sich immer noch nichts. In der Dunkelheit stehend, die schweigenden Wände um dich herum und das Obstmesser in der rechten Hand, spürst du, wie dein Herzschlag sich langsam wieder beruhigt. Du lauschst in die Stille hinein. Kannst du deinen Ohren trauen, wenn sie sich jetzt mit diesem durchdringenden Ringen füllen? 

 Du legst das Messer ab. Das leise Scharren der Klinge auf der Küchenzeile durchbricht den Lärm in deinen Ohren. Es ist tatsächlich ganz still. Du machst den ersten Schritt in den Raum hinein. Das Bett ist keine drei Meter entfernt. Die Matratze senkt sich unter deinem Gewicht, aber du kannst dich noch nicht hinlegen. Das Klopfen könnte wieder kommen, oder schlimmer noch, ein Scharren an der Tür und ein Kratzen am Schloss. Da sitzt du und starrst in die Dunkelheit. Das dumpfe Ringen stellt sich erneut ein und überdeckt alles andere. Bis eben war noch alles in Ordnung. Der Laptop liegt wie tot neben dir. Ihn wieder zu öffnen und weiterzuschauen, wo du aufgehört hast, kommt dir unmöglich vor. Zwischen jetzt und vor zehn Minuten, als du mit schlechtem Gewissen doch noch auf die nächste Folge geklickt hast, liegen eine Ewigkeit und ein Klopfen. 

 Du ziehst die Beine an und lehnst den Kopf gegen die Wand. Es ist sehr still. In deiner Brust schlägt dein Herz wieder seinen normalen Takt, das Pochen an deinen Schläfen hat sich gelegt und deine Finger haben ihre Steifheit verloren. Es ist vorbei. In einer halben Stunde wirst du den Laptop abschalten, aufstehen und dir im Bad die Zähne putzen können, mit kleinen Pausen zwischen den Schrubbewegungen, um doch noch einmal nach draußen zu lauschen. Wenn alles ruhig geblieben ist, wirst du das Kissen aufschütteln und unter die Decke schlüpfen können. Du wirst noch lange wachliegen, an die Decke starren und versuchen, eine beruhigende Erklärung für das nächtliche Klopfen zu finden. Vielleicht hat sich jemand in der Tür geirrt. Vielleicht zu viel getrunken, eine späte Heimkehr nach einer Tour durch die Bars. An einem Dienstag? Und wer klopft an seine eigene Tür? Du wirst keine Antwort finden. Du wirst in der Dunkelheit liegen und daran denken, wie dünn die Wände sind, wie schwach die Tür und wie zerbrechlich dein einziges Fenster, wie wenig es braucht, um das Schloss zu knacken und dass jeder unbeschwerte Moment der letzte sein könnte – wer weiß schon, wann das nächste Klopfen kommt, der Knall am Fenster, die Schritte auf dem Dach? – bis dir schließlich die Augen zufallen. 



Schlaf gut. 

Echte Gefühle

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Es ist mitten in der Nacht, als seine Hand neben ihm auf dem Kissen so heftig vibriert, dass er es noch bis in die Schläfen fühlt. Reflexartig hebt er den Arm und sieht nichts als die schwachen Ringe vor seinen Augen, denn im Zimmer ist es stockdunkel dank der Jalousien, die das ewige Dämmerlicht der nächtlichen Stadt draußen halten. Die Hand vibriert weiter. Einen Moment lang überlegt er, den Anruf abzulehnen, aber am Ende ist es noch sein Chef und das Beharren auf seiner Nachtruhe kostet ihn den Job.

 „Hallo?“

 Am anderen Ende erklingt ein Husten, und zeitgleich blinkt auf seinem Handrücken ein Avatar auf. Er braucht die Stimme gar nicht zu hören, um den Mann zu erkennen, dessen Username-Änderungen er über fünfzehn Jahre auf seiner Freundesliste am rechten unteren Rand des Bildschirms verfolgt hat. In den letzten zwei Jahren ist ihr Takt ruhiger geworden, aber einige der Namen haben ihm einen Schrecken eingejagt.

 „Tut mir leid, dass ich dich geweckt hab.“

 Darauf weiß er lange nichts zu erwidern. Belanglose Floskeln scheinen ihm fehl am Platz, aber es ist Ewigkeiten her, dass es zwischen ihnen ungezwungen und vertraut war. 

 „Bist du noch da?“

 „Wie sollte ich es nicht sein? Es ist nicht eben einfach, diese Hand abzuschrauben.“

 „Diebstahlgeschützt?“

 „Natürlich.“

 Am anderen Ende ertönt ein müdes Lachen.

 „Du wusstest schon immer, was wichtig ist. Ich hab‘s erst vor ein paar Jahr‘n auf die harte Tour gelernt, als mir in der Bahn einer drei Finger abgeknöpft hat, während ich gepennt hab. Und das in der ersten Klasse!“

 „Erste? Dir scheint es ja nicht schlecht zu gehen.“

 „Kann nich‘ klagen.“

 Er überlegt schon, ob er aufstehen und Licht machen soll, da dringt aus seiner Hand ein angestrengtes Räuspern.

 „Na ja, wenn ich ehrlich bin, dann doch. Deswegen ruf ich dich auch an. Hör mal, es tut mir wirklich leid, dass ich dich einfach so bitte, aber…“

 In der anschließenden Stille hört er nur seinen Atem. 

 „Juri?“

 „Kommst du morgen mit ins Krankenhaus?“

 „Um was zu tun?“

 „Mir Händchen zu halten, was denn sonst?“ Der klägliche Sarkasmus scheitert an der Nervosität in seiner Stimme. „Begleitperson, du weißt schon.“

 „So schlimm?“

 „Schlimm genug, dass sie mir die Birne benebeln woll‘n, und nach dem Reinfall beim letzten Mal is‘ mir dabei nicht mehr ganz wohl.“

 Vor seinen Augen blitzen die Bilder auf, die Juri gepostet hat, und die unzähligen Nachrichten in seiner Timeline über die gescheiterte Klage gegen das Krankenhaus.

 „Kann ich verstehen.“

 „Also?“

 Er reibt sich die Stirn mit der freien Hand.

 „Ich habe morgen zwei Schichten, direkt hintereinander, und wenn ich da nicht auftauche…“

 „Ich lass‘ dir eine Bescheinigung machen. Mit Stempel und allem.“

 „Wenn das mal so einfach wäre.“

 „Ist es.“

 Er weiß, dass das Ausstellen selbst nicht das Problem sein wird.

 „Was ist mit Kim? Seid ihr nicht noch zusammen?“

 „Hast du etwa meine Timeline gestalkt?“ Juris gezwungenes Lachen steigt aus der Dunkelheit empor. „Ja, sind wir. Aber sie muss ja nicht alles wissen. Vor allem nicht, dass ihr Freund ein Feigling ist.“

 „Und ich darf das wissen?“

 „Du weißt genau, dass du das darfst. Hast du etwa unser Versteck hinterm Bunker vergessen?“

 Das hat er nicht, weder die Sprünge im Beton, die sie nachgefahren sind, bis sich ihre Finger berührten, noch die dunkle Erde, die ihm hinterher an Knien und Handballen klebte. Er erinnert sich an die Berührung seiner Hände im Nacken, damals noch warm und mit echten Fingernägeln, und an den süßlichen Geruch aus der Ampulle, die Juri ihm an einem heißen Sommertag hinhielt. Ein kleiner Schluck SynthiLove nur, um etwas Schwung in die Sache zu bringen. Erst viel später hatte er den Post gefunden, auf den Juri am Abend zuvor mit einer wütenden Tirade geantwortet hatte. Realistisch gesehen sei es unmöglich, dass sie ernsthafte Gefühle füreinander hätten, denn das habe die Natur so nicht vorgesehen. Eine Beziehung wie ihre habe keine Zukunft, weil sie immer unfruchtbar bleiben werde. Bevor er die Antwort gelesen hatte, eine Kette von fünfzehn Nachrichten knapp unter dem Zeichenlimit, war ihm nicht bewusst gewesen, wie tief Juri die Meinung von ein paar Idioten im Netz getroffen hatte, und wie viel von seinen gewagten Witzen nur Fassade war.

 „Also gut, ich komme. Wann?“

 „Morgens um zehn. Weißt du, wo das neue Optizentrum ist, draußen vor der Ringstraße?“

 „Ja.“

 „Gut. Dann seh‘n wir uns dort. Ich kündige dich an.“

 Er will schon auflegen, als aus der Dunkelheit noch ein verlegenes Räuspern kommt.

 „Danke. Wirklich.“



Im Wartezimmer riecht es schon so durchdringend nach Desinfektionsmitteln, dass ihm sein karges Frühstück in der Magengrube rumort und er auf der Schwelle innehält. Der Mann an der gegenüberliegenden Wand hebt im selben Moment den Kopf und lächelt ihm zu. Juri. Außer ihnen ist niemand im Raum.

 „Hallo. Ich hab mich schon gefragt, ob du ‘nen Rückzieher gemacht hast.“

 Er schüttelt nur den Kopf und setzt sich neben ihn. Die Bewegung ist ihm so vertraut, als lägen keine fünfzehn Jahre zwischen ihnen.

 „Anschluss verpasst.“

 „Hättest du mal was gesagt! Ich hätt‘ dich abholen können.“

 „Darfst du denn noch fahren?“

 „Gleich nicht mehr.“ Juri nickt zur Tür hinüber, durch die eben ein untersetzter Pfleger tritt. „Perfektes Timing, wie immer.“

 „Herr Kaminski, wir wären dann so weit. Ist das Ihre Begleitperson?“

 „Da haben Sie aber gut geraten!“

 Der Pfleger schnauft genervt und reicht ihm ein Haarnetz und OP-Kleidung. „Ziehen Sie das über. Wir fangen in fünf Minuten an.“

 Unter den grellen Leuchten im Operationssaal erscheint ihm Juris Haut weiß wie Papier, und seine Hand umfasst seinen Arm so fest, dass die Drähte leise knirschen. 

 „Du kannst es jederzeit unterbrechen, wenn dir was komisch vorkommt“, flüstert er hastig, bevor die Anästhesistin ihn bittet, rückwärts zu zählen. „Das machst du doch, oder? Versprich‘s mir.“

 „Versprochen.“

 Dann ist er weg, und so sehr ihm nach einer Weile auch der Nacken schmerzt, wagt er es doch nicht, den Arm wegzuziehen und sich aufzurichten. Zusammengesunken sitzt er da und sieht den blitzenden Instrumenten zu, wie sie seine Haut zurückschlagen und Teile zum Vorschein bringen, die vorher nicht da waren. Zumindest nicht, als er ihn das letzte Mal so gesehen hat. Juris Hand lässt ihn nicht los, bis sie seinen Körper aus dem Raum rollen und ihm bedeuten, im Zimmer nebenan zu warten. Er streift die OP-Kleidung ab und wünscht sich eine Dusche. Es ist so still, dass sich jede Sekunde wie eine Ewigkeit anfühlt. Dann endlich öffnet der Pfleger die Tür und winkt ihm. Er hat einen Stuhl neben das Bett gestellt und die Jalousien heruntergelassen. An das Dämmerlicht im Zimmer müssen sich seine Augen erst gewöhnen, und er denkt nicht zum ersten Mal darüber nach, ob sie den gleichen Weg gehen sollten wie seine Hände.

 „Hey.“

 Juris Stimme ist so schwach, dass es ihm Angst macht.

 „Alles okay?“

 „Ich glaub schon. Verlang aber in nächster Zeit keinen Stepptanz von mir.“

 „Dann eben erst morgen. Einen Walzer vielleicht. Kannst du noch tanzen?“

 „Lange nicht mehr versucht.“

 Er wartet auf den nächsten Witz, der nicht kommt. Im Dämmerlicht des kleinen Raumes sieht er, wie schwer Juris Kopf auf dem Kissen liegt.

 „Weißt du, worüber ich nachgedacht hab, nach uns‘rem Gespräch gestern?“

 „Erzähl es mir.“

 „Hätten wir das Synthi gebraucht?“

 Also sind ihm dieselben Erinnerungen durch den Kopf gegangen.

 „Schwer zu sagen, nach so vielen Jahren.“

 „Bitte jetzt keinen Vortrag darüber, wie wir uns uns‘re eigene Vergangenheit schaffen und eigentlich gar nicht mehr wissen, was früher passiert ist. Ich will nur wissen, ob du darüber nachgedacht hast.“

 Er blinzelt.

 „Manchmal.“

 „Ich auch.“

 Sie schweigen lange.

 „Wusstest du, dass sie das Zeug immer noch verkaufen? Unter ‘nem neuen Namen.“

 „Hast du es seit damals noch einmal benutzt?“

 „Nein. Nur dieses eine Mal.“

 Juris Stimme verliert sich.



„Da hinten liegt meine Tasche.“

 Die plötzliche Ansprache lässt ihn zusammenfahren, beinahe wäre er auf seinem Stuhl eingenickt. Am Fenster fahren die Jalousien lautlos nach oben und warmes Sonnenlicht dringt in den Raum. Es muss früher Abend sein. Seltsam, dass seit dem nächtlichen Anruf noch keine vierundzwanzig Stunden vergangen sind.

 „Tasche?“

 Juri hatte schon immer die Gewohnheit, mitten im Gedanken anzufangen.

 „Da sind zwei Flaschen drin. Ich dachte mir, wir könnten unser Wiedersehen feiern.“

 „Darfst du denn schon wieder trinken?“, fragt er, ist aber bereits auf halbem Weg zur anderen Seite des Raumes.

 „Ach, dürfen. Wen kümmert das schon?“

 Es sind Glasflaschen mit Schraubverschluss. Das Siegel ist gebrochen.

 „Hier.“

 Juri sitzt schon wieder aufrecht im Bett, auf einen Arm gestützt, und lächelt schwach, fast verschmitzt. Sein Haar ist noch immer so schwarz wie Teer, ohne die Spur einer hellen Strähne. 

 „Danke. Machst du‘s mir auf?“

 Unter seinen Händen knirscht der Deckel leise. Er öffnet auch die andere, und riecht deutlich das süßliche Aroma, das ihm aus dem schlanken Flaschenhals in die Nase steigt.

 „Auf alte Zeiten!“

 Der Geruch nach Desinfektionsmittel ist noch immer stark, aber darunter liegt etwas Vertrautes, das er so heftig vermisst hat. Beim Anstoßen gibt das Glas ein leises Klirren von sich.

 „Prost.“

 Er setzt die Flasche an die Lippen und nimmt den ersten Schluck. 

Der Prinz und das Meermädchen

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Es war einmal ein junger Prinz, der lebte auf einer Burg. Die Burg stand auf einer Klippe über dem Meer, und bei Sturm hob sich die Gischt so hoch, dass sie an den grauen Mauern zerstob. Dann sagten die Leute auf der Burg, es seien die Meerleute, die dort drunten wüteten, und die Gischt sei der Speichel, der ihnen aus den Mündern stiebe. Die Menschen fürchteten die Meerleute sehr. Der Prinz aber, der jeden Tag der Stimme des Meeres gelauscht hatte, saß bei Sturm am liebsten auf der Mauer hinter einer Zinne, hörte das Donnern des Wassers in der Tiefe und schmeckte das Salz auf seinen Lippen. Seine Mutter sorgte sich sehr um ihn. Bei Nacht versperrte sie deshalb sein Schlafgemach mit einem schweren Eisenschloss und stellte eine Wache vor die Tür, und bei Tag befahl sie seinem Bruder, auf ihn zu achten. Der Bruder aber traute sich nicht auf die Mauern, nicht in die feuchten Gänge unter dem Schloss, nicht an den Strand und bei Sturm nicht einmal aus seiner Kammer heraus, sodass der Prinz gehen konnte, wohin es ihm gefiel. Er sammelt auch alles, was er in die Finger bekam, und bewahrte es in einer Höhle am Strand auf. Oft verschwand er stundenlang, um dort seine Schätze zu betrachten und vom Meer zu träumen, bis die Mutter seinen Bruder nach ihm schickte, der mit zitternden Knien von der Burg herunterkam, um ihn zu holen.

Als der Prinz nun eines Morgens am Strand entlangspazierte, fiel sein Blick auf eine große, schillernde Schuppe, die dort im Sand lag. Der Prinz beugte sich sofort hinunter und hob sie auf. Einen solchen Schatz hatte er noch nie gesehen. Die Schuppe war länglich und glatt und schimmerte im Sonnenlicht in allen Farben des Regenbogens. Je länger der Prinz sie betrachtete, desto mehr zog sie ihn in den Bann. Er schloss sie in seine Hand und blickte atemlos auf das ruhige Meer hinaus. In der Ferne wogte das schwarze Wasser geheimnisvoll wie die Brust eines riesigen Tieres. Wer war es wohl, der diese Schuppe verloren hatte? War es am Ende einer der Meerleute gewesen? Nachdenklich wanderte der Prinz zu seiner Höhle, um seinen Schatz zu verstecken. Dort stapelten sich Kisten und Kästchen mit allen Wunderdingen, die man sich nur vorstellen konnte. Eben öffnete der Prinz die Hand, um die Schuppe von Neuem zu betrachten, als er mit einem Mal erschrak. Die Schuppe saß fest. Mitten in seiner Handfläche hatte sie sich in die Haut gegraben, und alles Schütteln, Ruckeln und Kratzen wollte nicht helfen. Auch war es in der Höhle nicht mehr dunkel. Die Schuppe leuchtete! Der Prinz schloss die Hand und das Licht erlosch. Dann öffnete er sie wieder und das Licht kehrte zurück. Da lachte der Prinz und der Schrecken verschwand. Wie nützlich ihm das Licht in den Gängen unter dem Schloss sein würde, und erst bei Nacht, wenn er aus dem Fenster spähte! Er wollte aber recht gut achtgeben, dass von den Leuten auf der Burg niemand etwas bemerkte.

Am Abend bereitete sich oben auf der Burg alles auf den erwarteten Sturm vor. Die Tiere wurden in den Stall getrieben, die Wäsche von der Leine genommen und die Wimpel und Fahnen eingeholt. Der Prinz saß hinter seiner Zinne und schaute erwartungsvoll aufs Meer hinaus. Die Zeit verging, doch die See blieb ruhig. Nur ein paar Schaumkronen tanzten auf den Wellen. Enttäuscht kletterte der Prinz von der Mauer und lief in den Burghof, wo seine Eltern und das Gesinde standen und in den Himmel sahen. 

„Vielleicht kommt der Sturm später?“, wisperten die Mägde.

„Vielleicht kommt er gar nicht?“, flüsterten die Knechte.

„Unmöglich“, beharrte die Königin. „Hier hat es noch jeden Abend einen Sturm gegeben, solange ich lebe.“

Auch am nächsten Tag und am Tag darauf blieb der Sturm aus. Das Gesinde sprach schon von einem Fest, das der König und die Königin ausrichten wollten. Der Bruder des Prinzen wurde mutiger und begleitete ihn überallhin, wie es der Wunsch der Mutter war. Nur auf die Mauer folgte er ihm nicht. 

„Ich brauche einen Sturm“, flüsterte der Prinz, als er dort oben saß und seine Schuppe betrachtete, „ich halte das nicht aus!“

Am Abend ballten sich die Wolken am Horizont zusammen und der Himmel wurde schwarz. Die Wellen donnerten gegen die Burg und füllten die Gänge darunter mit schäumendem, tosendem Wasser. Im Hof liefen die Knechte und Mägde durcheinander und jammerten, und der Bruder kroch in seiner Kammer unter das Bett und presste sich die Hände auf die Ohren. Nur der junge Prinz stand oben auf der Mauer, hielt seine Schuppe in den Wind und lachte, dass es von den Steinen widerhallte. 

Am nächsten Morgen lief er voller Ungeduld zum Strand hinunter. An den Dünen, wo das Gras endete, zog der Prinz sich die Stiefel von den Füßen und grub die Zehen in den weichen Sand. Das hatte er noch nie getan. Die Schuhe erschienen ihm mit einem Mal klobig und ungelenk. 

Am Strand erblickte der Prinz die Spuren seines Sturms. Algen und Seetang waren weit hinauf ans Ufer geschleudert worden. Dazwischen aber schillerte und leuchtete es. Es waren Schuppen! Ein Dutzend von ihnen lag dort im Sand und strahlte in allen Farben des Regenbogens. Sie bildeten einen Pfad bis ans Wasser. Der Prinz beugte sich begeistert hinunter – und zögerte. Wenn nun diese Schuppen ebenfalls an ihm haften blieben? 

„Warum zauderst du?“, kam da eine heisere Stimme aus dem Wasser. Der Prinz hob den Kopf. Was er für ein Büschel Algen gehalten hatte, das nahe dem Ufer aus dem Wasser ragte, war in Wirklichkeit ein wirrer Haarschopf, aus dem ihm zwei funkelnde Augen entgegenblickten.

„Warum zauderst du?“, fragte das Wesen von Neuem. „Ich beobachte dich schon lange, kleiner Prinz. Ich habe gesehen, wie du jeden Tag aufs Meer hinausschaust. Eine Schuppe hast du schon. Willst du nicht noch mehr haben? Im Sonnenlicht leuchten wie sie? Schwimmen können, ohne die Kälte zu spüren? Atmen können, obwohl dich das Wasser umschließt?“

Der Prinz nickte zögernd. Schwimmen konnte er nicht, er hatte nur hin und wieder seine Zehen in die Tümpel unter der Burg gehalten. 

„Dann komm“, sagte die Gestalt und streckte einen langen, spindeldürren Arm aus. „Ich kann dir zeigen, wo du noch mehr von ihnen findest.“

Folgsam tappte der Prinz die Spur der Schuppen entlang. Sie blieben an seinen Fußsohlen haften. Das Meermädchen – denn es war ein Mädchen, da war er sich sicher – lächelte ihm zu und hob den schmalen Körper aus dem Wasser. Die ersten Wellen leckten an seinen Füßen. Er stand bis zu den Knien im Meer. 

Da schnellte sie vor, packte ihn um die Mitte und zog ihn mit sich. Eiskaltes Wasser schlug über seinem Kopf zusammen. Der Prinz schrie, aber kein Laut entwich seinem Mund. Die Haare des Mädchens hüllten ihn ein, während sie schwamm und schwamm und ihn immer tiefer hinunterzog. 

Sieben lange Tage und sieben sturmlose Nächte blieb der Prinz verschwunden. Am siebten Tage ließ das Königspaar die Pferde satteln und ritt mit einem Dutzend Männern aus in die umliegenden Dörfer. Durchdringend scholl die Glocke von der Burg über das Land, und die Bauern eilten aus ihren Hütten, um das Königspaar zu grüßen. Auch der Prinz unter dem Meer hörte oben die Glocke gehen und wurde von schrecklichem Heimweh erfüllt. Er bat das Meermädchen, an die Oberfläche zurückkehren zu dürfen, um seine Familie wiederzusehen. 

Er erreichte den Strand, während die Glocke noch immer schlug, und lief auf unsicheren Füßen hinauf zur Burg. Sein Körper war ihm so schwer geworden, dass er sich auf halbem Wege auf einen Felsen setzen musste. 

Auf dem Burghof kam ihm sein Bruder entgegen, der allein zurückgeblieben war. Der Prinz wollte ihm um den Hals fallen, doch der Bruder sah nur die Schuppen, die auf seiner Haut schimmerten, und floh in seine Kammer. Auch die Knechte und Mägde jammerten und nahmen die Beine in die Hand, als sie des Prinzen ansichtig wurden. 

Die Königin aber, die am Abend zurückkehrte, schloss den verloren geglaubten Sohn in die Arme, und ihre Tränen brannten auf seinen Schuppen. Sie steckte ihn in den Waschzuber und schrubbte ihn, bis seine Haut rot war. Die Schuppen aber wollten sich nicht lösen. Vor seiner Kammer stellte sie nun drei Wachen auf, und selbst am Tage durfte der Prinz sein Gemach nicht verlassen. So saß er stundenlang am Fenster und dachte an das Meermädchen, das ihm die Schuppen von ihrem eigenen Körper gegeben hatte, und an ihre Haare, die im Wasser schwerelos und wunderschön waren. 

An jenem Abend braute sich zum ersten Mal wieder ein gewaltiger Sturm zusammen. Die Hunde bellten vor ihren Hütten, die Pferde wieherten und die Wachleute auf den Mauern duckten sich unter den gewaltigen Windstößen. Als der Himmel sich schwarz verfärbte, kletterte der Prinz auf das Fensterbrett und hielt seine Hand in den Sturm hinaus, dass die Schuppe weit über das tosende Meer leuchtete. Da sah er mit einem Mal eine Gestalt an der Mauer hinaufklettern. Der Wind zerrte an ihrem schmalen Körper und peitschte ihr die schlaffen Haare ins Gesicht. Dann stand das Meermädchen vor ihm in der Kammer. Doch wie hatte sie sich verändert! Wo vorher ein schimmernder Fischschwanz gewesen war, schauten nun zwei magere, zitternde Beine hervor. Mit vor Schmerz geweiteten Augen fiel sie vor dem Prinzen auf die Knie. Sie öffnete den Mund. Kein Laut kam ihr über die Lippen, denn sie hatte die Stimme im Tausch für ihre menschlichen Beine gegeben. Der Prinz aber wusste er, was sie ihm sagen wollte. Sie war gekommen, um ihn mit sich zu nehmen. Er dachte an die Wachen vor der Tür, an seinen Bruder und das Gesinde, an seine Mutter und den Waschzuber. An die Höhle am Strand, seinen Platz auf der Mauer und die Gänge unter der Burg. An die Fische, wie sie übermütig an ihm vorbeischossen, wenn er sich neben dem Meermädchen von den Fluten tragen ließ, und die Wasserpflanzen, die seine Haut kitzelten, wenn sie sich zwischen ihnen zum Schlafen legten. Er dachte an das endlose Meer, das dort draußen auf ihn wartete, und das Wasser, das seine Schuppen kühlte. Der Prinz sah sein Meermädchen lange an – und nickte. 

In dieser Nacht stiegen zwei kleine Schatten an der Mauer hinab. Niemand sah sie, als sie die Beine in das schäumende Wasser hielten, die sich sofort in glänzende Fischschwänze verwandelten. Hand in Hand schwammen sie davon, hinab in die Tiefen der See. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schwimmen sie noch heute.

Todessehnsucht

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Darius stand an der Bushaltestelle und sah dem Regen dabei zu, wie er seine Schuhe durchweichte. Über ihm rauschte der Verkehr über die Brücke, ein nicht enden wollender Strom von Reifen auf Asphalt, die Wasser auf den Gehweg spuckten, und beschlagenen Windschutzscheiben, hinter denen verschwommene Gesichter schimmerten. In einer Pfütze neben seinem linken Turnschuh schwamm ein Zeitungsfetzen. Er musste einmal eine bedeutsame Schlagzeile getragen haben, wenn man nach der Menge an Druckerfarbe ging, die auf die Buchstaben verwendet worden war. Lesen ließen sich die verwaschenen Farbwolken, die davon übrig geblieben waren, jetzt allerdings nicht mehr.

 Darius seufzte und spähte hinüber zur Brücke. Für gewöhnlich rollte der Bus wenige Minuten vor seiner Ankunft an der Haltestelle darüber, und das Wissen, dass er unterwegs war, war nach einem langen Tag an der Universität immer tröstlich. Von dem massigen Fahrzeug war jedoch nichts zu sehen. Der Regen fiel weiter undurchdringlich wie ein Vorhang. Darius wischte sich die nassen Haare aus der Stirn. 

 Auf der Brücke blinkten die ersten Scheinwerfer auf. 

 Da plötzlich sah er es. Auf dem Brückengeländer, so nahe am äußersten Stützpfeiler, dass darunter nur noch die Böschung lag, wo bei besserem Wetter die Raucher ihre letzte Kippe vor dem Bus nahmen, stand eine Gestalt, ein junger Mann. Mit ausgebreiteten Armen, um das Gleichgewicht zu halten, aber vornübergebeugt. Bereit zum Sprung. 

 Einen Moment lang konnte Darius nur hinaufstarren. Der Regen lief ihm in die Augen und ließ seine Sicht verschwimmen, doch er wusste, dass er sich nicht täuschte. Dort oben stand jemand, dessen Leben gleich ein abruptes Ende nehmen würde.

 „Nicht!“

 Das Wort war ihm herausgerutscht, bevor er es verhindern konnte. Unmöglich, dass ihn der Mann dort oben durch den prasselnden Regen und das Dröhnen der Autos hindurch hörte. Hektisch wühlte er in der Tasche nach dem Handy. Würde die Polizei überhaupt schnell genug eintreffen? Aber wen sollte er sonst rufen?

 „Aus dem Weg!“

 Eine zweite Gestalt stieß ihn zur Seite. Darius registrierte ein schiefes, vernarbtes Kinn und fettige Haare unter einem Regencape, da war sie auch schon an ihm vorbei und stürzte den Bürgersteig entlang auf die Böschung zu. Darius sah sie rennen und sein Herz schlug schneller. Wollte sie dem Mann auf der Brücke zureden? Kannten sich die beiden am Ende sogar? Gebannt sah er zu, wie sich die Gestalt im Regencape nahe dem Stützpfeiler aufbaute und das Gesicht in den Regen hielt. Die einsame Gestalt auf der Brücke hatte sich nicht vom Fleck gerührt. Der Verkehr brauste noch immer an ihr vorbei, gleichgültig, als stünde dort nicht gerade jemand an der Schwelle zum Tod. 

 Der Mann auf der Brücke schwankte. Darius hielt den Atem an. Die Gestalt im Regencape breitete die Arme aus. Der Mann fiel. Die Gestalt im Regencape griff ihn aus der Luft, als wöge er nicht mehr als eine Feder, und packte seine zappelnden Arme mit eisernem Griff. Dann schmetterte sie seinen Kopf gegen den Stützpfeiler, dass der Schädel aufplatzte wie eine überreife Frucht. Darius schrie. 



Als er über die Schwelle seiner winzigen Wohnung trat, wäre er am liebsten auf die Knie gefallen und hätte sich danach auf dem Fußboden zusammengerollt. Der Bus war schließlich doch noch gekommen, aber erst nachdem ein Polizeiauto durch die Pfützen geschlingert war und die Haltestelle blockiert hatte. Im verschwommenen Licht der Scheinwerfer waren die Polizisten auf den Körper unter der Brücke zugegangen. Routiniert, fast gelangweilt hatten sie ihre Arbeit getan, und Darius‘ Beteuerungen von einer Gestalt im Regencape keinerlei Glauben geschenkt. Aufgefangen, aus der Höhe, hatte der ältere der beiden Polizisten ungläubig gesagt. Dann müssten sie ja jetzt beide da liegen. 

 Sie hatten die Haltestelle geräumt, sobald klar war, dass keine Schwierigkeiten zu erwarten waren, und die Busfahrerin hatte auf die Hupe gedrückt, um ihre Fahrgäste aus der kleinen Gruppe der Schaulustigen zu locken, die sich nahe der Böschung gebildet hatte. Darius war nicht eingestiegen. Er war den Nachhauseweg zu Fuß gelaufen, während das Wasser ihn durchweichte bis auf die Knochen. Jedes Regencape, das ihm entgegenkam, hatte ihn zusammenfahren lassen. 

 Da saß er nun, den Laptop aufgeklappt vor sich, und versuchte zu denken. Sollte er den Vorfall googlen? Vielleicht hatte jemand eine Kamera dabei gehabt und die ganze Sache gefilmt. Der Gedanke ließ ihn schaudern. Er wollte die seltsame Gestalt nicht noch einmal sehen. 

 Mit steifen Fingern gab er „Brückensprung“ in die Suchleiste ein. Artikel über Mutproben und leichtsinnige Jugendliche starrten ihn an. Er leerte das Feld. Tippte stattdessen „Selbstmord“ ein. Jenseits der klinisch gefühllosen Wikipedia-Artikel, der Selbsttests und Nummern der Telefonseelsorge begann das Dickicht der Foren. Er klickte sich durch Leidensgeschichten, geschmacklose Witze und Memes, die er nicht verstand. Schwarze Hintergründe, neonleuchtende Schrift, blinkende Emojis. Er las die Berichte von Menschen, die ihre Begegnung mit dem Tod überlebt hatten und schrieben, sie hätten den Moment der Entscheidung den Bruchteil einer Sekunde danach bereut. Eine Frau erzählte, wie sie im Rausch der Überdosis ein Gesicht angestarrt und sie das Grauen übermannt habe. Sie wisse nicht einmal wieso. So hässlich sei er nicht gewesen, der Tod. Der Kommentator unter ihr lieferte einen seitenlangen Erguss in Kapitälchen, der Darius‘ Kopf schmerzen ließ. Er klappte den Laptop zu. 

 Draußen ging bereits die Sonne auf.



In den darauffolgenden Tagen pendelte sich Darius‘ Leben in einen beinahe tröstlichen Rhythmus ein. Morgens, auf dem langen Weg zum massiven Gebäude der Universität, suchte er nach der Gestalt im Regencape. Er spähte aus dem staubverkrusteten Fenster, bis der Bus mit kreischenden Bremsen an der Haltestelle stoppte. Abends stand er neben der Brücke und beobachtete die Vorbeigehenden, bis die Sonne unterging. Dann kehrte er in seine Wohnung zurück, zu seinem Laptop und seiner Suchmaschine.

 Im Hörsaal schenkte er dem Professor an der Tafel noch weniger Beachtung, als er es ohnehin getan hätte. Das Smartphone hinter dem Hefter verborgen, las er sich weiter durch die Foren, öffnete zwischendurch Twitter, um seinen Feed zu checken. Tatsächlich tauchte dort zwei Tage nach dem Vorfall an der Brücke eine kurze Meldung der Polizei auf. Ein junger Mann, vor kurzem obdachlos geworden. Eindeutig Suizid. Von der Gestalt im Regencape kein Wort. Dafür fand Darius in einem geschlossenen Forum einen weiteren Hinweis. Ein User mit dem Benutzerbild eines geköpften Hasen schrieb, dass er sie willentlich erscheinen lassen könne. Er müsse sich nur eine Schlinge um den Hals legen und so lange ziehen, bis er ihm schwarz vor Augen werde. Im letzten Moment, bevor ihm das Licht ausgehe, so sagte er, könne er einen Blick auf sie erhaschen. Darius hatte keine Schlinge, doch er entdeckte, dass er ebenso gut auf den Fernsehturm steigen und von dort in die Tiefe sehen konnte. Wenn er sich weit genug vorlehnte, den Blick so fest auf den Boden gerichtet, dass es in seinem Magen rumorte, und nur zwei Finger am Geländer behielt, erschien sie unter ihm als winzige Gestalt, um die sich das dunkle Regencape bauschte.

 Er meldete sich im Forum an und antwortete dem geköpften Hasen. Auf seinem Handy sammelten sich derweil die Nachrichten, dann die unbeantworteten Anrufe. Er löschte sie alle. Das einzige Licht in seiner Wohnung kam jetzt von seinem Laptop, der auch in den frühen Morgenstunden noch lief. Er ging nicht mehr zur Uni. Stattdessen fuhr er jeden Tag zum Fernsehturm und spähte hinunter, lehnte sich stückchenweise weiter vor. 

 Der geköpfte Hase schlug ihm neue Methoden vor, die Gestalt zu sehen. Darius suchte sie an verschiedenen Orten in der Stadt, dann in seiner Wohnung. Er malte sich aus, wie es wäre, ihr endlich zu begegnen, und machte sich Sorgen, dass er nicht wissen würde, was er dann sagen sollte. Er hatte sich selbst so lange nicht mehr sprechen gehört. Sein Bart kitzelte ihn, wenn er den Kopf senkte, um eine neue Nachricht an den geköpften Hasen zu schreiben. Eines Abends kamen keine Antworten mehr. 



Schließlich kam der Tag, an dem Darius sich sicher war. Er würde ihr begegnen. Noch heute. Der Gedanke elektrisierte ihn, ließ ihn die Lippen verziehen, dass es in den Wangen schmerzte. Er stellte sich unter die Dusche und schrubbte seine juckende Haut, bis sie rot war. Mit noch immer klatschnassen Haaren ging er zum Friseur und sah ungeduldig zu, wie die Büschel fielen. Er war so glücklich, wie er es lange nicht gewesen war. 

 Die Sonne schien. 

 Er nahm den nächsten Bus zum Fernsehturm. Er stieg die Stufen hinauf. Lehnte sich vor. Löste die Finger vom Geländer.

 „Hallo.“

 Da war sie, direkt neben ihm. Darius starrte sie an. In ihrem Gesicht war nichts von dem, was ihn einst hatte erschaudern lassen. Ihre Augen waren weich und dunkel, zwei stille Tümpel inmitten eines endlosen Felds.

 „Ich...“, stammelte er. „Du hast… Die Böschung. Der Mann.“

 Er hatte längst vergessen, was er ihr vorwerfen wollte. Ihr Lächeln zog ihn in den Bann und ihr warmer Duft nahm ihm jeden Willen.

 „Wirst du dort unten stehen?“, fragte er leise.

 Sie schüttelte den Kopf. Ihre Haare streiften seine Wange wie dunkle Federn.

 „Das ist nicht nötig. Ich weiß schon, dass du dich nicht wehren wirst.“

2017

Zwerge sehen

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„Na, ein Zwerg eben!“ Jari trat gegen einen Tannenzapfen, der unter dem Geländer hindurchschlitterte und mit einem Platschen im schwarzen Wasser versank. „Ein großer, langer, mit Fellstiefeln und einem Stirnband. Mit schwarzen Haaren und glattem Kinn.“

 Die Jungen blieben in der Mitte der Brücke stehen, lehnten sich über den Bach und zielten sorgfältig. In schaumigen Häufchen floss ihre Spucke den schwarzen Strom hinunter.

 „Das ist doch kein Zwerg“, entrüstete Paul sich. Seine Finger waren noch nass von dem Schneeklumpen, den er Jari an der Ampel gegen die Jacke geklatscht hatte. Sie kannten sich erst seit ein paar Stunden, seit die Lehrerin sie am Morgen nebeneinandergesetzt hatte, aber sie waren sofort miteinander ausgekommen. Wenn Jari nur nicht so einen Unsinn erzählen würde. „Zwerge sind so.“ Er hielt die Hand in Brusthöhe. „Und sie haben keine Stirnbänder, höchstens einen Helm, und darunter auch keine schwarzen Haare, sondern so braune oder rote, und einen Bart, aber was für einen!“ Das konnte er ihm leider nicht zeigen. Jetzt hätte er Papa gebrauchen können.

 Jari schüttelte beharrlich den Kopf. „Du hast einfach keine Ahnung von Zwergen. Die sind schlau, weißt du. Nicht so wie du.“

 Er knuffte ihn.

 Paul knuffte zurück. Unter der dicken Winterjacke war sein neuer Freund überraschend schmal.

 „Aber eine Axt haben sie“, sagte er. 

 „Pah. Zum Holzhacken vielleicht.“ Jari trat gegen das Geländer, dass die Pfosten erzitterten. „Richtige Zwerge kämpfen mit einem Bogen. Weil sie schlau sind. Hast du nicht zugehört? Warum sollten sie denn so nahe herankommen, dass sie eine abkriegen? Sie verstecken sich einfach, und wenn der Feind in Schussweite ist…“ Er zischte durch die Zähne. „Da steht dann keiner mehr.“

 Paul schwieg angestrengt, während sie die Brücke verließen und den Weg am Bach entlangwanderten. Jari war ihm ein Rätsel. Wie konnte man nur so unrecht haben?

 „Hast du mal Herr der Ringe gesehen?“, fragte er hoffnungsvoll, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergestapft waren.

 „Habe ich“, erwiderte Jari verschnupft. „Noch nie so einen Blödsinn gesehen. Meine Mama hat gleich gesagt, dass ich das ausschalten soll. Das gibt mir ein ganz falsches Bild, sagt sie.“

 „Von den Zwergen?“

 „Weiß nicht.“

 „Aber das sind schon die richtigen Zwerge, kannst ja meinen Papa fragen“, sagte Paul und hoffte, dass Jari das nicht tun würde. Papa sagte ja nur wieder, dass es in jeder Sache mindestens zwei Meinungen gab. Papa hatte einfach keine Ahnung.

 „Kannst ja meinen Papa fragen. Der kennt alle Geschichten auswendig und erzählt sie mir immer. Der weiß, was richtige Zwerge sind.“

 „Und woher, bitteschön?“

 „Er hat mal einen getroffen.“

 „Du lügst doch!“ Paul sah mit einem mulmigen Gefühl im Magen zu, wie Jari sich auf dem leeren Feldweg umsah, als könnte sie jemand belauschen. Dabei waren sie ganz allein unter dem mattweißen Himmel.

 „Gar nicht. Kannst ihn ja fragen.“

 Jari sah nicht so aus, als hoffte er, dass Paul das nicht tun würde, überhaupt nicht. Er trug die Nase schon wieder so hoch, dass es Paul in den Fingern juckte, einen neuen Schneeball zu formen. Unter seiner Mütze schauten ein paar dunkle Haarsträhnen hervor.

 „Mache ich auch.“

 „Wetten, nicht?“

 „Wetten, doch!“

 Sie kamen an der zerbrochenen Schranke vorbei. Paul hielt Ausschau nach einem guten Schneehaufen, aber überall hatten die Hunde hingepinkelt.

 „Wo hat er den Zwerg denn getroffen?“, fragte er.

 Jari rieb sich die Nase. „Jaa, so genau hat er das nicht gesagt. Ist ein Geheimnis. Aber weißt du was?“ Er senkte die Stimme. „Das war gar kein Zwergenmann, hat er gesagt, sondern eine Zwergenfrau. Und eine schöne noch dazu.“

 Paul kicherte. „Hat er die auch geküsst, so richtig?“

 „Ich glaube schon.“

 „Bäh.“

 „Ja, denk mal. Hätte er sie mal lieber nach ihrem Bogen gefragt.“

 „Hätte ich auch gemacht.“

 Die ersten Häuser des Wohngebiets tauchten hinter den Bäumen auf. Aus den Schornsteinen kringelte sich blasser Rauch, es roch nach Essen.

 „Wo wohnst du?“, fragte Paul, während sie über die schneenassen Pflastersteine rutschten.

 „Da drüben.“

 „Kann ich mal zu dir zum Spielen kommen?“

 „Jaa“, sagte Jari wieder, „ich weiß nicht. Ich muss erst Mama fragen. Ich hatte noch gar keinen Besuch, seit wir hier eingezogen sind. Mama sagt, das möchte sie nicht.“

 „Oh. Und wenn ich jetzt mitkomme und sie mich sieht? Dann weiß sie doch, dass ich okay bin.“

 „Kannst du machen.“

 Nebeneinander schlitterten sie die Einfahrt zu Jaris Haus hinunter. Die Wände waren aus Holz, noch ganz neu, und die Büsche davor so kahl, dass der Schnee am Boden unter ihnen durch die Äste hindurch zu sehen war. Von der Regenrinne tropfte es auf den Holzboden der Terrasse. Vor den Wohnzimmerfenstern hingen lichtdurchlässige Tücher in sanftem Grün, die mit Darstellungen eines riesigen Baumes verziert waren. Seine schwarz umrandeten Äste umspannten einen ganzen Weltenkreis.

 „Ihr habt aber coole Fenster.“

 „Ach, das. Ja, ganz nett. Mama steht auf so was.“

 Jari zog ein Schlüsselband unter seiner Jacke hervor und fummelte am Schloss der Eingangstür herum. Von innen erklang aufgeregtes Kläffen. 

 „Pass auf, Vali ist manchmal ganz schön wild.“

 „Ist schon okay. Wir haben auch einen Hund zu Hause.“

 Pauls Zuversicht weilte nicht lange. Die Tür öffnete sich und ein riesiger Hund schoss aus dem Flur ins Freie. Als er Paul sah, blieb er wie angewurzelt stehen und begann, aus tiefer Kehle zu knurren. Paul wich erschrocken einen Schritt zurück.

 „Lass ihn, Vali“, sagte Jari streng. „Er will uns nur besuchen.“

 Der Hund rührte sich nicht vom Fleck. Das grobe Fell in seinem Nacken sträubte sich. 

 „Mama!“, rief Jari in den Flur. „Vali nervt schon wieder!“

 Über das Grollen aus der Kehle des Hundes hinweg hörte Paul, wie sich aus dem Inneren des Hauses leise Schritte näherten. Dann erschien eine Frau im Türrahmen. 

 „Jari, da bist du ja. Das Mittagessen ist schon fertig, wir warten alle auf dich. Vali, Schluss jetzt.“

 Der Hund verstummte augenblicklich. 

 „Und wer ist das?“

 Ihre dunklen Augen richteten sich auf Paul, der jedoch viel zu beschäftigt damit war, sie anzustarren, um zu antworten. Jaris Mutter war hochgewachsen und so schmal, dass man meinen könnte, jemand hätte sie an Ohren und Fußgelenken ergriffen und kräftig gezogen. Feines, tintenschwarzes Haar umrahmte ihr blasses Gesicht, auf dem sich eine steile Falte zwischen den Augenbrauen gebildet hatte. Obwohl sie im Haus war, trug sie Stiefel, und um die Schultern ein Tuch aus schwarzem Stoff. Als sie sich zu ihm hinunterbeugte, wehte Paul ein unangenehmer Geruch entgegen, der ihm schon an Jari aufgefallen war, wenn auch deutlich schwächer. 

 „Menschenskind, du sagst ja gar nichts. Hat Vali dich so sehr erschreckt? Keine Sorge, der tut dir nichts, solange ich hier bin.“

 Der Hund fiepte leise.

 „Genau, du bist ein braver Junge.“ Sie kratzte ihn hinter den Ohren. „Bist du ein Freund von Jari?“

 „Ich habe heute neben ihm gesessen“, verkündete Jari fröhlich. „Mama, Paul hat auch keine Ahnung von Zwergen.“

 „Wirklich? Na, du musstest es ihm ja nicht gleich unter die Nase halten. Schön, dich zu treffen, Paul. Ich hoffe, ihr beiden benehmt euch im Unterricht, auch wenn ihr nebeneinander sitzt. Jari, kommst du jetzt? Das Essen wird kalt.“

 Jari druckste ein wenig herum.

 „Was ist denn?“

 „Mama, kann Paul mal zu mir zum Spielen kommen?“

 Jaris Mutter strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Durch ihre Hand schien das blasse Licht der winterlichen Sonne.

 „Nein, das möchte ich nicht. Wir sind immer noch beim Auspacken, da ist alles noch zu unordentlich.“

 Paul fragte nicht, ob er vielleicht danach kommen könnte. Er wagte es auch nicht, zu Jari hinüberzusehen.

 „Also, jetzt wollen wir aber wirklich–“

 „Bergljót!“, kam eine Männerstimme aus dem Haus. „Muss da wirklich so viel Salz dran? Nun komm doch mal!“

 Jaris Mutter seufzte. „Verabschiede dich schön von deinem Freund und dann komm rein. Du siehst ihn ja morgen in der Schule wieder. Ich gehe Papa helfen.“

 Sie verschwand. Der Glanz ihrer Haare schimmerte in der Luft nach. Vali erwachte aus seiner Benommenheit und fing wieder an zu knurren, doch Jari packte den Hund am Nackenfell und schob ihn mit einiger Mühe hinter sich in den Flur. Dann streifte er die Jacke ab und zog sich die Mütze vom Kopf.

 „Tja, also…“

 Paul war vorher gar nicht aufgefallen, wie groß die dunklen Augen im Gesicht seines Freundes waren. Blasses Licht schien durch seine Ohrläppchen. Der Türrahmen drohte, ihn zu verschlucken.

 „Schon okay“, sagte er. „Deine Mutter hat recht, wir sehen uns ja morgen.“

 Er wandte sich ab. Seine Finger waren eiskalt.

 „Paul!“

 Jari stand noch immer im Türrahmen, die Mütze in der Hand.

 „Kann ich denn morgen mal zu dir kommen?“

 Wärme sprudelte in Pauls Brust empor.

 „Ja, klar!“, sagte er so schnell, dass er über die eigene Zunge stolperte. „Nach der Schule, okay?“

 Jari nickte. Dann lehnte er sich vor. „Können wir dann Herr der Ringe schauen?“, flüsterte er. „Aber keinem verraten!“

Paul grinste mit glühenden Wangen. Der dunkle Geruch von Jaris Haaren begleitete ihn den ganzen Weg aus der Einfahrt hinaus, die Straße entlang, am Briefkasten vorbei und durch den Vorgarten bis zur Haustür.

Ein Moment auf der Lichtung

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Die letzten Schritte seines Lebens war er gelaufen, richtungslos, blind und taub für die Stille, die ihn umgab, für die Milde, mit der die tiefhängenden Äste der Tannen seinen Körper freigaben, als er auf die Lichtung stolperte. Der See stank. Unter der Wasseroberfläche trieben träge tote Bündel aus Blättern, zusammengesunken zu schleimigen Haufen. Inmitten des Zerfalls hockte eine Kröte und starrte ihn aus unbewegten Augen an.

„Ich wollte das nicht”, erklärte er ihr, während er auf das Wasser zutaumelte.

Ihre Kehle bewegte sich in raschen Wellen, wölbte sich vor und schrumpfte wieder. Er musste an Marika denken, wie sie ihren schweren Leib schaukelte und sich ihre Fingernägel in seinen Handballen gruben, an den erdrückenden Geruch ihrer Haut und die tiefen Laute in ihrer Kehle.

Er zuckte zusammen, als das Wasser warm und schlammig gegen seine Knöchel schwappte. Die Oberfläche bewegte sich, der Wald stand vollkommen still.

„Ich wollte das nicht”, wiederholte er, verzweifelt auf der Suche nach einer Erklärung, der sie Glauben schenken würde. Der faulige Atem des Sees stieg um ihn herum auf, blies ihm leicht auf die feuchten Wangen und streichelte sein kurzes Haar. „Warum habe ich das getan?”

Die Kröte starrte ihn an. In ihren hervorquellenden Augen fand er die Leere, die seinen Kopf angesichts des namenlosen Entsetzens erfüllte, das ihn so unvermittelt verschlungen hatte. Er war froh, dass sie bei ihm war. Auf dieser Lichtung war er alleine und doch nicht einsam, wie er es im lichtdurchfluteten Krankenhauszimmer gewesen war, neben dem Bett mit den blendend weißen Laken, über dem ein Tuch in warmem Orange hing, eine Schlinge mit einem obszönen Knoten am unteren Ende. Verspielte Kindersocken an massigen, viel zu nackten Beinen.

Ohne den Blick von seiner stummen Gesprächspartnerin zu nehmen, ließ er sich langsam zu

Boden sinken und stützte sich mit der Hand nach hinten ab. Das Wasser kroch an seinem

Hemdsärmel hoch, dann schwappte es warm gegen seinen Hosenboden. Er schauderte bei dem

Gedanken an das Wasser, das den Stoff der Hose an ihren Oberschenkeln verdunkelt hatte.

„Ich hatte ja keine Ahnung, wie schnell es gehen kann”, erklärte er ihr. „Eben noch, und dann schon im Auto, was ein Glück, dass sie den Blitzer noch nicht aufgebaut hatten, und dann im Fahrstuhl in den dritten Stock, was ein Glück, dass der nicht stecken geblieben ist, hätte ja alles sein können. Und dann… tja. Was man eben so tut. Kennt man ja. Ich nur aus Filmen. Ich hatte mir ja immer vorgenommen, dieses Buch zu lesen, das sie mir hingelegt hat, aber dafür brauche ich Ruhe, zum Lesen, meine ich, und die hatte ich nie. Nicht ihre Schuld, nein, aber sie hätte mir ja auch einfach sagen können, was mich erwartet. Hätte ich mich nicht so dumm gefühlt, als die Schwester über meine Frage gelacht hat, wie lange das jetzt dauern wird. Woher hätte ich denn wissen sollen–?”

Er verstummte, als im Wald um ihn herum ein Rauschen aufkam, ein Peitschen und Ächzen der Zweige, das die Lichtung einhüllte und den See in Unruhe versetzte. Wasser schwappte gegen seinen Bauch und sammelte sich in seinem Nabel. Mit einem Mal war das Gefühl der Geborgenheit dahin. Unter der aufgewühlten Oberfläche bewegten sich die Blätter und formten sich zu undeutlichen Bildern. Eine Hand streckte sich nach ihm aus, warm und feucht. „Ich sterbe gleich”, flüsterte er mit einer Stimme, die ihm zugleich fremd und unheimlich vertraut war. Hatte er sie nicht gerade noch gehört, an diesem lichtdurchfluteten Nachmittag, ausgespuckt, erschöpft, hervorgepresst zwischen geschwollenen Lippen?

„Ich hätte es ja gelesen”, rief er über den aufgebrachten See hinweg zu dem glatten Stein hinüber. „Ich habe es mir vorgenommen. Meinen Teil erfüllen, wie sie gesagt hat. Aber die Bilder. Der Geruch der Seiten, Plastikfolie, ganz seltsam. Lässt das Papier glänzen, wenn man es biegt. Solche Bücher kann ich nun mal nicht ab, die will man doch nicht anfassen. Eklig. Da wird mir schon schlecht von, wenn ich sie nur ansehe. Wie soll ich denn–? Wenn es mir doch unangenehm ist. Wie soll ich mich denn darauf einlassen, wenn schon das Buch so–?”

Er vergrub das Gesicht in den Händen und rieb sich über die Stirn. Seine Finger rochen nach

Fäulnis. Noch immer plätscherten die Wellen gegen seine Beine. Unter der Oberfläche formten die

Blätter dunkle Wirbel. Wann immer ihre Stränge sich voneinander trennten, meinte er, darunter

etwas zu erkennen. Er wollte nicht hinsehen, aber er musste. Da war es wieder, das Entsetzen, das ihn in diesem Zimmer überkommen war, ohne Vorwarnung, ohne jede Erklärung. Inmitten von Sonne und aufmunternden Worten, von stechenden Fingernägeln und Stöhnen, so tief, dass es nicht mehr ihres war, dass es Jahre zurückging, Jahrzehnte, dass es in ihn drang und an die Oberfläche zerrte, was dort verborgen lag, formlos. Lauernd. Er hatte sich etwas vorgemacht. Er hatte es schon zuvor gespürt. Eine Vorahnung, ein Zittern, wenn er die Hände nach dem Buch ausstreckte und es dann doch auf dem Nachttisch liegen ließ. Einmal hatte sie sich das Buch auf den Bauch gelegt und gelacht, und dann war eine Bewegung von unten gekommen und hatte es ins Rutschen gebracht. Er hatte es eben noch auffangen können. Dabei war es aufgeklappt. Während sie sich vor Lachen kaum halten konnte, hatte er mit trockenem Mund auf das Foto gestarrt, auf die schwarzen, verklebten Haare und den Wulst darum herum, wie der schlauchförmige Mund eines Insekts, so fest gespannt, dass die Haut jeden Moment aufzuplatzen schien. Ein Farbfoto, ausgerechnet. Er konnte sich nicht mehr daran erinnern, was er danach getan hatte.

„Aber von da an hatte ich ein Kratzen im Hinterkopf. Etwas ist passiert. Ein Teil von mir erinnert sich. Ich weiß nur nicht, woher. Mir ist nie etwas passiert. Jedenfalls nicht, soweit–” Es schüttelte ihn. „Soweit ich mich erinnern kann”, flüsterte er. „Aber da ist etwas. Diese Stimme, dieser eine Satz. Der ist viel älter. Niemand, den ich kenne, hat je darüber geredet, dass er sterben will. Meine Freunde nicht, mein jüngerer Bruder nicht, meine Eltern nicht. Aber es muss jemand gewesen sein, den ich gut kannte. Diese Stimme ist mir so nah, es kann gar nicht anders sein. Aber wer? Und warum kann ich mich daran erinnern und kann es nicht?” Er starrte auf die treibenden Blätter, hatte die Kröte ganz vergessen.

Da zuckten die wabernden Stränge auseinander, ein Blick auf einen niedrigen Sessel, im Hintergrund die Raufasertapete, die dunklen Bilderrahmen, exakt nebeneinander. Vor dem Sessel ein Planschbecken, hellblau, mitten auf dem Teppich. Das Wasser gluckste leise, mitten im Wohnzimmer. Alles war so, wie es nicht sein durfte. Fremde Schritte in der Diele, das unablässige Schrillen des Telefons aus dem Nebenzimmer, ein wütender Schrei, dass jemand das verdammte Ding doch endlich aus dem Fenster werfen sollte. Hektische Schritte auf dem weichen Teppich, eine knochige Hand, die ihm nachlässig über den Kopf fuhr, bevor der Kittel knisterte und seine Besitzerin mit einem Ächzen vor dem Planschbecken auf die Knie ging. Eine freundliche Frage, begleitet noch immer vom Krächzen des Telefons. Und dann die Stimme. Holt ihn raus oder ich krepiere.

Die Welt hatte sich auf den Kopf gedreht, ohne dass er es bemerkt hatte. Mit einem Mal kniete er nicht mehr, sondern hing, und statt hinab in den See schaute er hinauf in den Himmel, aus einer entsetzlichen Tiefe, die nach Füßen in Gummisohlen, nach Teppichstaub und lauwarmem Planschbeckenwasser roch. Über ihm hing die Wahrheit, so weit oben, dass er sie nicht erreichen konnte. Aber da war sie. „Daran kann ich mich gar nicht er–” Etwas Feuchtes rann ihm über die Stirn und die Nase hinunter. Die Haare klebten ihm am Kopf. „Erinnern.” Aber jetzt konnte er es. Er hatte es aus dem See gezogen, aus dem Gewirr toter Blätter. Er starrte auf den See, der wieder unter ihm lag. Unter seiner Oberfläche brodelte bereits die nächste Frage. Was gab es da noch, an das er sich nicht erinnerte? Mit einer Hand wischte er sich die schweißnassen Haare aus der Stirn. Es änderte nichts. Ihm war schlecht. „Warum heute? Die ganzen Jahre lang nichts und jetzt–?”

In seiner Hosentasche vibrierte das Handy. Erstaunlich, dass es überhaupt noch funktionierte. Das Wasser musste es nicht erreicht haben. Er zog es hervor und sah auf das Display. Eine Nachricht. Erist da. Wo bist du? Mit zitternden Fingern stopfte er das Handy zurück in die Tasche. Dann richteteer sich auf, seine Knie protestierten. Was gab es da noch, das er nicht wusste? Das Handy vibrierte wieder. Mann, ich dachte echt, ich sterbe.

In der Mitte des Sees gab die Kröte ein schnarrendes Geräusch von sich. Dann sprang sie mit einem Platschen ins Wasser und verschwand.

Jetzt sehe ich dich

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 „Wodurch, meint ihr“, sagte die neue Kunstlehrerin und legte eine nervtötende Pause ein, in der alle sie anstarrten wie eine Kuh in den Lauf des Bolzenschussapparats, „zeichnen sich die Menschen aus? Was ist ihr Alleinstellungsmerkmal?“

 Marika senkte den Blick wieder auf ihr Biobuch. Also doch nichts Interessantes. Schade. Als die Neue sich aufs Pult geschwungen hatte, dass die gehäkelten Strähnen in ihren Haaren wild baumelten, hatte sie sich schon Hoffnungen gemacht. Sie sah ohnehin aus, als wäre sie für den einen oder anderen Spaß zu haben. Unter ihrem Ohr schimmerte eine halbkreisförmige Narbe, und die Ärmel des schwarzen Oberteils hatte sie gerade so weit hochgekrempelt, dass man die Ausläufer einer farbigen Tätowierung erkannte. Bestimmt hatte Frau Lederfriem einen Herzanfall bekommen, als die Neue im Lehrerzimmer aufgeschlagen war, und bei Herrn Pertz grenzte es an ein Wunder, dass er noch zum Unterricht erschien, nachdem er in ihrem Ausschnitt ertrunken war.

 Die Neue schlug die Beine übereinander, wippte mit dem Fuß im schwarzen Stiefel und lächelte die Klasse an.

 „Werfen wir einfach Gedanken in den Raum. Was ist es, das uns Menschen“, wieder diese Pause, „zum Menschen macht?“

 Marika hörte Getuschel. Ein Glück, dass sie die Frage umformuliert hatte. Sie war sich nicht sicher, ob alle wussten, was ein Alleinstellungsmerkmal war.

 „Ja, bitte?“

 Die Neue sprach genau in ihre Richtung, dann breitete sich Stille im Klassenraum aus. Marika hob verwirrt den Kopf. Sie hatte sich doch gar nicht gemeldet. Der Blick der Neuen traf sie aus stahlgrauen Augen, sie starrte sie regelrecht an. Marika öffnete den Mund, da erklang eine Stimme direkt hinter ihr.

 „Es ist seine Intelligenz.“ Christopher, natürlich. Wer sonst wartete so lange mit seiner Antwort, als hätte er alle Zeit der Welt und spräche nur für sich selbst, ein Freigeist, der sich von den Lehrern nichts sagen ließ. Ihn hatte die Neue angesehen, nicht sie, aber der dümmlich geöffnete Mund war ihr sicher nicht entgangen. Marika senkte den Kopf und kritzelte wütend auf ihr Hausaufgabenheft. Was für ein Idiot. „Von allen Tieren ist der Homo sapiens zweifelsohne das intelligenteste. Ich würde sogar sagen, er unterscheidet sich so grundlegend von ihnen, dass es uns berechtigt, ihn aufgrund seiner kognitiven Leistungen in seine eigene Kategorie zu stellen. Ihm erschließen sich Welten, die dem Tier für immer verschlossen bleiben. Daraus ergeben sich für ihn Rechte, aber auch Pflichten, eine Verantwortung zur Milde dem Schwächeren gegenüber, nehmen wir zum Beispiel die Fleischindustrie. Intelligenz verpflichtet und sie resultiert aus ihren Pflichten.“

 „Was für ein Anfang“, sagte die Neue, und der abschätzige Ton ihrer Stimme ließ Marika aufblicken. „Eine flammende Rede für den Menschen als Zentrum der Welt, ein wahrer Leuchtturm inmitten des tosenden Meers der Unvernunft.“ Marika drehte sich auf ihrem Stuhl um. Christopher schien den Hohn nicht zu hören. Er lächelte nur leicht und nickte wohlwollend, wie er es immer tat, wenn ein Lehrer ihm zustimmte. 

 „Nun, möchte noch jemand etwas beitragen?“

 Ratloses Schweigen. 

 „Wir wollen doch das Feld nicht den Vernünftlern überlassen! Ich bin mir sicher, da sitzen noch andere Ideen in euren Köpfen. Was ist es, die Essenz des Menschseins?“

 „Langeweile!“, platzte jemand heraus, gefolgt von unterdrücktem Gelächter. 

 Die Neue schüttelte den Kopf. „Ernstgemeinte Ideen? Ja, ganz rechts?“

 „Ich meine, es ist Liebe.“ Die Stimme war so leise, dass Marika sie kaum verstand. Lisa sprach wie üblich mehr mit der Tischplatte als mit ihrem Gegenüber. „Aufopferung für jemanden, der einen besonderen Platz im eigenen Herzen hat. Die Anlage dazu haben wir alle von Geburt an. Ob sie benutzt wird, ist eine andere Frage. Aber wenn wir sie benutzen, nennen wir das Menschlichkeit. Es steckt schon im Wort. Das ist es, was den Menschen ausmacht.“

 „Bullshit!“ Marika machte sich nicht die Mühe, die Hand zu heben. Die grauen Augen der Neuen hefteten sich auf ihr Gesicht, doch diesmal sah sie nicht weg. „Ja, von Aufopferung wird immer groß geredet, die Mutter für ihre Kinder und so. Aber Spinnen lassen sich vom Nachwuchs verwandter Spinnen auffressen, wenn sie selber keinen haben. Hat deine Tante sich etwa von dir aufessen lassen, Lisa? Scheinheiliger Mist ist das. Entweder, die Menschen gestehen sich endlich ein, dass sie den Tieren da meilenweit hinterherhinken, oder sie ziehen durch und tun, was sie sagen!“

 Dröhnende Stille senkte sich über den Klassenraum. Alle Köpfe hatten sich zu Marika umgedreht, doch es kümmerte sie nicht. Sie sah unverwandt die Neue an, deren Lächeln jetzt ihre perlweißen Zähne enthüllte.

 „Interessante Forderungen, die wir hier hören. Ich habe mir deinen Namen nicht gemerkt. Wie heißt du noch?“

 „Marika.“

 „Marika. Gut.“ Die Neue erhob sich. „Wir haben also unterschiedliche Antworten auf meine Frage gehört. Ja, die Liebe. Ich hatte gehofft, dass wir deine Antwort“, sie nickte Christopher zu, „als zweites hören, denn sie ist ein schöner Kontrapunkt. Wie viel ist Gefühl, wie viel intelligente Kalkulation? Wo ist die Grenze? Wie Marika uns gezeigt hat, gehen einige Tiere da deutlich weiter als wir. Wie immer ihr zu der Frage steht, ihr werdet noch Gelegenheit zum Nachdenken haben.“ Sie schaltete den Beamer ein. An der Wand erschien ein verwaschenes Viereck, das rasch schärfer wurde. „Denn damit wollen wir uns in diesem Halbjahr beschäftigen. Die Liebe in der Kunst. Schaut euch einmal dieses Bild an. Der Kuss von Gustav Klimt.“

 Marika sah hoch und erstarrte. Auf der kalkweißen Wand war ein blutiges Bett erschienen, dünne Rinnsale, die tief in das geblümte Laken gesickert waren, und ein unförmiger Schatten über allem.

 Das Bild wechselte.

 „Hylas und die Nymphen von John William Waterhouse.“

 Marika sah zwei haarige und gebräunte Beine auf dem Bett liegen, an denen das Blut herunterlief. Eine bleiche Frauenhand auf Kniehöhe. Sie blickte in die Gesichter ihrer Mitschüler, die interessiert bis gelangweilt wirkten. 

 „Und die Studie H aus dem Bilderzyklus Das Hohelied Salomos von Egon Tschirch.“

 Das Lächeln der Neuen, aber riesig und vom Beamer verzerrt. Roter Schleim auf den Lippen, die Kiefer kauend, ein Stück Fleisch in den schlanken Fingern wie eine Trophäe. Die Hand des Mannes von hinten auf ihrer Schulter, ein schwacher Druck, der schwarze Ring am einzigen verbleibenden Finger.

 Marika schlug sich die Hand vor den Mund. 

 Die Neue lächelte. „Ein beeindruckendes Werk, ja.“ Sie schaltete den Projektor aus. Das Bild verschwand. „Lasst uns die letzten zehn Minuten zur Reflexion nutzen. Vielleicht schwebt dem einen oder anderen schon eine Idee für sein Abschlussprojekt vor. Stifte raus und los geht‘s!“

 Um Marika herum brach ein Gemurmel und Geraschel aus. Niemand schien auch nur im Geringsten beunruhigt von den Bildern, die eben noch über ihren Köpfen geschwebt waren. Sie rieb sich heftig die Augen, öffnete wie in Trance ihren Block und setzte den Stift aufs Papier. Nichts. Ihre Nachbarin kritzelte wie besessen drauflos.

 „Eine interessante Wortmeldung von dir.“

 Marika zuckte heftig zusammen, als die Neue ihr von hinten die Hand auf die Schulter legte. Ihre Finger waren wie Klauen. Sie beugte sich vor. Ihr Atem roch nach rohem Fleisch.

 „Kommst du bitte nach der Stunde zu mir? Ich denke, ich habe noch einige Bilder, die dir gefallen könnten.“ 

Zyklische

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  „Ich will ganz ehrlich sein, wenn Sie erlauben. Zyklische Prozesse machen mich fertig. Als ich noch selber staubsaugen musste, wusste ich nicht, was ich mehr hassen sollte: den Staub, der sich immer von Neuem ansammelte, oder den Staubsauger, der so geduldig in der Ecke wartete. Jede Woche musste ich ihn hervorholen, einschalten, mit ihm durch die Wohnung fahren, ihn wieder verstauen. Das hat ihm überhaupt nichts ausgemacht. Aber mir schon. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie erleichtert ich war, als ich mir den ersten vollautomatischen Staubsauger gekauft habe. Natürlich musste ich ihn immer noch jede Woche einschalten, aber alles andere erledigte er selbst. Tja, und jetzt lasse ich mir natürlich jemanden kommen, dem das Ganze nichts ausmacht. Das Zyklische, meine ich. Dafür bin ich einfach nicht geboren.“ 



Fahren Sie fort. 



„Gerne. Wissen Sie, mein bester Freund, der Ivo, der ist ein Zyklischer. Ausgerechnet. Ich kann das selber nicht erklären, es hat sich eben so ergeben, dass ich ihn kennengelernt habe, und dann wäre es unhöflich gewesen, ihn einfach stehen zu lassen. Bei Ivo kann man das gar nicht mehr sagen, ob er nun noch dafür geboren oder schon gemacht ist, das ist der Wahnsinn. Wir haben uns an der Uni kennengelernt, am Kaffeeautomaten in der Bibliothek. Ich war eigentlich nur da, weil meine Kaffeemaschine streikte, wahrscheinlich hatte ich mich nicht an die Wartungsroutine gehalten, wie auch immer, das war es zumindest, was Ivo sagte.“ 



Verstehe. Was schließen Sie daraus? 



„Wenn ich das wüsste. Ivo war eben ein schlauer Bursche. Er war schon seit dem Morgen da, zum Lernen auch noch. Ich hatte ihn gerade in seiner Kaffeepause erwischt, die machte er nämlich immer zu der Zeit. Wir haben uns ein bisschen unterhalten, so dies und das geredet eben. Er studierte Medizin, nur Bestnoten, ich hatte gerade Meeresbiologie abgebrochen und sah mich nach einer Alternative um. Die Einschreibungszeit hatte ich verpasst, aber als Student registriert war ich noch. Ich hing so zwischen den Semestern. Jedenfalls haben wir uns an dem Tag schnell wieder verabschiedet, er wollte zurück an seine Bücher. Hatte sich seine Arbeitszeiten genau zurechtgelegt, und ich konnte schon sehen, dass ihn die Verzögerung nervös machte. Damit hat man ihn ärgern können, das sage ich Ihnen aber! Einmal wollte er an einer Präsentation arbeiten und hatte das Ladekabel für seinen Computer bei mir liegenlassen. Ich bekam dann eine Nachricht aus der Bibliothek, ob ich es ihm vorbeibringen könnte, mit einem Punkt hinter dem Fragezeichen, den hatte er da stehenlassen, so eilig hatte er es gehabt. Ich ließ mir zehn Minuten länger Zeit als nötig und beobachtete ihn durch die Bücherregale hindurch. Er sah aus, als säße er auf Nadeln. Ist eben nicht immer von Vorteil, ein Zyklischer zu sein. Da mussten ihm nur morgens die falschen Nüsse ins Müsli geraten und der ganze Tag war verdorben. Mich hätte das nicht gekratzt. Ich war schon zufrieden, wenn ich überhaupt ans Frühstück dachte. Meistens ging es mit meinem Schlafrhythmus ohnehin so durcheinander, dass alles nur Stück war. Ha, Stück, verstehen Sie?“ 



Ja. 



„Kleiner Scherz am Rande. Wie auch immer. Ich will ja nicht so tun, als könnte ich es mir leisten, mich über ihn lustig zu machen. Sehen wir der Wahrheit doch ins Auge! Die Zyklischen haben die Welt erobert. Das meine ich gar nicht böse, verstehen Sie mich nicht falsch. Es ist eben so. Ivo hat da perfekt reingepasst, von Anfang an. Ich eher weniger.“ 



Was meinen Sie damit? 



„Ganz allgemein. Das war nicht nur an der Uni so, dass mich das Aufstehen genervt hat, jeden Tag zur gleichen Zeit, jeden Tag derselbe Weg mit der Magnetbahn, jeden Tag derselbe Platz in der Vorlesung. Jeden Tag dieselben Eröffnungsworte. Der Dozent, der war nämlich auch ein Zyklischer, aber eindeutig gemacht, nicht geboren. Wenigstens war es nicht jeden Tag dieselbe Vorlesung, oder vielleicht wäre das gar nicht schlecht gewesen, dann hätte ich nach dem ersten Mal nicht mehr kommen müssen, hehe. Manchmal übernahm die Vorlesung auch einer der Professoren, so ein richtiges Urgestein, ein Original. Hat mich an mich selbst erinnert, und dann musste ich mich doch fragen, wie er es damit so weit gebracht hatte. Jedenfalls hatte er nie zweimal dasselbe Hemd an.“ 



Sie klingen sehr bestimmt. 



„Da schätzen Sie mich aber falsch ein. Nach der Uni habe ich mich hier und da ein wenig herumgetrieben, habe eine Weile bei der Magnetbahn als Putze gearbeitet, als Aushilfe in der Bibliothek, als Werbemaskottchen in einem furchtbaren Bärenkostüm. Sah nicht mal wie ein Bär aus, rosa mit hellen Flecken, aber so einen Bär hat ja schon lange keiner mehr gesehen. Ich habe es nirgendwo lange ausgehalten.“ 



Haben Sie nicht? 



„Ganz und gar nicht. Wenn Sie Ivo fragen, dann erinnert der sich bestimmt noch daran, wie ich ständig bei ihm vorbeikam, um mich zu beschweren. Ich habe es einfach nicht ausgehalten, diese Arbeitsschritte, die sich jeden Tag wiederholten, und am Ende des Tages wusste ich nur, dass es morgen von vorne beginnen würde. Egal, wie gründlich ich den Boden in der Bahn gewischt hatte, ein paar Stunden später trat schon der Nächste mit seinen dreckigen Stiefeln drauf, und egal, wie oft ich die Bücher zurück ins Regal gestellt hatte, sie lagen doch immer wieder von Neuem auf dem Rollwagen. Eines habe ich so oft gesehen, dass ich schon dachte, jemand wollte mich verarschen. Arbeit für morgen hieß es, so ein schmales Bändchen. Ich habe aber nie reingeschaut, also keine Ahnung, was da tatsächlich drinstand. Hätte ich vielleicht tun sollen, dann hätte ich das große Geheimnis der Zyklischen ergründet. Endlich, alle Tricks der Zyklischen enthüllt! Das würde sich doch gut als Überschrift machen, gibt garantiert jede Menge Klicks. Wahrscheinlich aber eher von den Zyklischen selbst, das mit dem Weltbeherrschen war ja durchaus ernst gemeint.“ 



Ja. Fahren Sie bitte fort. 



„Ich sollte nicht so verbittert sein, ich weiß. Das würde mir Ivo jetzt auch raten. Aber er ist ja selbst einer, ob nun geboren oder gemacht, spielt da keine Rolle, und ich will ihn nicht kränken. Er hört sich immerhin geduldig meine Beschwerden an, obwohl sich an denen nie was ändert, eigentlich sinnlos also, das Ganze, man kann fest davon ausgehen, dass es am nächsten Tag von vorne losgeht. Genau sein Gebiet eigentlich, und ziemlich untypisch für mich. Vielleicht schaffe ich es auf meine alten Tage ja doch noch, mich in den Lauf der Welt einzuklinken. Das wäre was! Dabei habe ich immer alles getan, um mich davon zu befreien, Sie wissen schon, der automatische Staubsauger und all diese Dinge.“ 



Verstehe. 



„Ivo hat es übrigens durchgezogen und ist Arzt geworden, Spezialist für polysynthetische Gewebestrukturen. Seine Praxis läuft gut, regelmäßige Öffnungszeiten, Punkt Acht geht‘s los. Seine Patienten wissen das zu schätzen. Das kennen Sie sicher auch.“ 



Ja. Erzählen Sie weiter. 



„Seine Sprechstundenhilfe ist das beste Beispiel. Sie füllt jeden Morgen dieselben Formulare aus, die werden dann abends wieder gelöscht und am nächsten Morgen wartet der Computer schon wieder. Eine Engelsgeduld, das muss man einfach sagen.“ 



Ich verstehe... 



„Und ich sehe schon, Sie schauen auf die Uhr. Sind wir mal wieder fertig? Ach, das wollte ich eigentlich gar nicht sagen, Sie wissen ja, wie sehr ich es schätze, dass wir den Termin jede Woche auf einen anderen Tag legen können. Zugegeben, auf dieselbe Zeit, aber das ist dann wohl ein Zugeständnis an Sie, wir wollen ja realistisch bleiben. Um mich dreht sich die Welt schon lange nicht mehr.“ 



Verstehe. Es hat mich gefreut, mit Ihnen zu sprechen. Bitte beenden Sie die Sitzung, indem Sie auf den grünen Knopf drücken. 



„Das müssen Sie mir nicht jedes Mal sagen, so vergesslich bin ich noch nicht, hehe. Auf Wiedersehen, Doc.“ 



Bis zum nächsten Mal. 



Eine gute Mutter

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Karla saß mit gespreizten Beinen auf der Klobrille und goss sich aus einem Plastikbecher warmes Wasser über den Unterleib, als das Baby im Wohnzimmer zu schreien anfing. Es hatte Durst, das hörte sie. Seit dem ersten Krächzen las sie die Stimme ihres Kindes, wie es nur eine Mutter konnte, und weder das gespielt verständnisvolle Nicken der Stationshebammen noch das leise Seufzen ihres Mannes brachten sie von dieser Überzeugung ab. Sie tupfte die letzten Wassertropfen mit einem weichen Tuch weg, legte eine frische Slipeinlage mit Hametumsalbe in die Unterhose und ging ins Nebenzimmer. 

Das Baby lag in der Wiege, die winzigen Hände zu Fäusten geballt, und brüllte aus Leibeskräften. Karla betrachtete das rote Gesichtchen und lächelte über das Wunder des Lebens. Glück, für das es keine Worte gibt, so stand es auf der Karte, die nach ihrem vorbildlich kurzen Krankenhausaufenthalt auf sie gewartet hatte, daneben der Blumenstrauß. Die Haushaltshilfe war wirklich ein Schatz. 

Das Baby brüllte noch immer. Karla beugte sich über die Wiege. Das Baby nahm sie überhaupt nicht wahr. „Hey, mein kleiner Engel.“ Sie strich ihm über den weißen Strampler. „Hast du etwa Durst? Das habe ich doch gleich gehört.“ 

Das Baby brüllte. Karla schob die Hand unter sein Köpfchen und nahm es in die Arme, wie sie es von Anfang an beherrscht hatte. Sie spielte mit den Fäustchen, die sich nicht öffnen wollten, und ging zum Stillhocker, seit drei Generationen in der Familie, dank des handwerklichen Geschicks ihres Mannes jetzt leicht erhöht und dazu mit einem aufgeblasenen Schwimmreifen mitten auf der Sitzfläche. „Dann wollen wir doch mal sehen“, sagte sie, knöpfte sich umständlich die Bluse auf, schaukelte das Baby ein paar Mal hin und her und rückte den Schwimmreifen zurecht. Dann ließ es sich nicht mehr hinauszögern. 

Das Plastik quietschte unter ihrem Gewicht. Mit einer Hand hob sie den Kopf des Babys an ihre linke Brust, mit der anderen drückte sie die geschwollene Brustwarze zu ihm und kitzelte seine rot glänzende Unterlippe, ganz natürlich. Das Baby brüllte und drehte den Kopf weg. „Mama ist hier.“ Sie fing seinen Kopf ein und kitzelte erneut, öffnete die Bluse weiter, drehte das Baby um und legte es an die andere Brust, kitzelte die Unterlippe und die Mundwinkel. Das Baby brüllte. „Mama ist ja hier.“ Ihr Lächeln schmerzte. Vielleicht war es die Lotion, die sie benutzt hatte. Kein Problem. Sie war vorbereitet. 

Sie legte das Baby zurück in die Wiege, erwärmte am Herd die Milch, die sie am Morgen abgepumpt hatte, und füllte sie in eine ausgekochte Flasche. Der orthodontische Sauger quietschte beim Zuschrauben. „Schau mal, was ich hier habe, mein Engel.“ Sie hob das Baby aus der Wiege, ganz natürlich, und setzte die Flasche an. Sein winziger Mund schloss sich um das Plastik. Plötzliche Stille, ein Schlucken, dann spuckte es den Sauger aus und brüllte, Sabber und Milch auf dem weißen Kragen. Sie kitzelte seine Unterlippe, bis ihre Hand zitterte und die Schultern vom Tragen schmerzten. Ihr Kiefer knackte heftig, als sie den Mund öffnete, um die Luft auszustoßen, die gegen ihr Brustbein drückte. 

Sie legte das kreischende Baby zurück in die Wiege und ging zur Spüle, vorbei an der Packung Milchpulver auf dem Tisch und dem Zettel daneben, ein harmlos formulierter Vorschlag mit einem Smiley daneben, um ihr das Undenkbare schmackhaft zu machen. 

Sie knallte die Fäuste zu beiden Seiten der Spüle auf die Küchenzeile. Im blankpolierten Metall spiegelte sich verzerrt ihr Gesicht. Der neunte Versuch heute und noch immer nichts als winzige Schlucke und ausgespuckte Milch. Sie starrte sich selbst an und sie selbst starrte zurück. Nutzlos. Ihr eigenes Kind wollte ihre Milch nicht. Das Beste, was sie ihm zu geben hatte. Sie dachte an die Foren, die Diskussionen über die PDA und die Medikamente, und ihr wurde ganz kalt. Es war nicht die Lotion. Sie war leichtsinnig gewesen, bequem, selbstsüchtig, wisperte es in ihr, und aus der Spüle blickten die Augen ihrer Mutter, dunkel über einem harten, roten Mund. Dachtest du, es würde einfach werden?

Ihre Fäuste lösten sich. Ihr Rücken hing durch. Langsam, eine Hand auf der Spüle, zog sie die Nadel aus ihrem Versteck in der obersten Schublade. Sie schraubte die Flasche auf, stach sich tief in den Finger und drückte, bis der Schmerz sie blendete. Rubinrote Tropfen durchbrachen die weiße Oberfläche und sanken hinab. Sie schraubte die Flasche zu und schüttelte sie. Das Baby brüllte. Sie ging hinüber, die Flasche in der Hand, und hob es aus der Wiege. Sie schleuderte den Schwimmreifen vom Stillhocker und ließ sich mit verzerrtem Gesicht auf die blank gesessene Holzfläche sinken. Sie bot dem Baby den Sauger. Der winzige Mund schloss sich um das Plastik. Stille. Saugen. Schlucken. Endlich. Karla liefen die Tränen übers Gesicht.