Sonnentöchter



„Es gibt wohl eine Menge, was wir beide nicht verstehen.“ Ein wahreres Wort ist zwischen Gevert und Calija wohl nie gesprochen worden, den beiden Söldnern, die der Zufall zwischen den Schlachtfeldern des Kontinents zusammenführt. In ihnen treffen zwei Welten aufeinander und mehr Missverständnisse, als in das kleine Zelt passen sollten, das sie von nun an miteinander teilen. Doch je länger sie gemeinsam unterwegs sind, desto mehr wird ihnen klar, wie ähnlich sie sich eigentlich sind. Ihre Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Liebe hat sie ins Exil weit weg von zu Hause getrieben – und sie sind fest entschlossen, sich den Rückweg dorthin zu erkämpfen. 

Eine Fantasy-Saga über verlorene, verloren geglaubte und gefundene Familien.


Charaktere

Gevert

Gevert ist ein Söldner in seinen Vierzigern, der im Laufe seines Lebens auf unzähligen Schlachtfeldern gekämpft hat. Nach dem Tod seiner dritten Frau musste er ihre gemeinsame Tochter Lys in ein Waisenhaus geben – eine Entscheidung, die er bis heute bereut. Während der gemeinsamen Reise mit Calija erkennt Gevert, dass ihr Selbstbild tief in der erbarmungslosen Hierarchie ihres Herkunftslandes verwurzelt ist. Er möchte ihr helfen und kann sich zugleich ihrem Einfluss nicht entziehen.

Calija

Calija ist eine junge Frau aus einer streng matriarchalischen Gesellschaft, in der sie einen tiefen Fall erlebt hat. Dennoch ist sie nicht bereit, ihren Traum von einem glücklichen Leben aufzugeben. Der Kontakt zu Gevert konfrontiert sie mit ihrer Vergangenheit und den Gefahren ihres Plans. Den daraus entstehenden Zweifeln begegnet sie mit einer wilden Entschlossenheit, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen und ihr Glück endgültig zu erzwingen.

Mejajaliakij'

Mejajaliakij‘ ist eine ehrgeizige junge Mutter aus Calijas Heimatland, deren erster Kind wider Erwarten ein Junge geworden ist. Nach langem Warten erneut schwanger, sieht sie sich von Intrigen umzingelt und von ihren eigenen Erwartungen erdrückt, endlich ein Mädchen zu bekommen und damit Ansehen und Zukunft ihrer Familie zu sichern. Als ihre Frau Tejkuija‘ das Land verlässt, um in den Krieg zu ziehen, liegt die Verantwortung für diese Familie mit einem Schlag allein in Mejajaliakij‘s Händen. 

Textproben

Kapitel 1

Created with Sketch.

Er hatte ihn gefunden. Gevert stand am schönsten Ort der Welt und traute seinen Augen kaum. Sattgrüne Wiesen dehnten sich vor ihm aus, unterbrochen nur von dem niedrigem Buschwerk, dessen Bewohner ihn im Morgengrauen mit ihrem Zwitschern geweckt hatten. Die sanften Hügel dazwischen waren mit gelben Blumen besprenkelt. In der Ferne versprach ein Wäldchen Schatten und Kühle, Moos unter den Sohlen und Tannennadeln, die ihm in Haar und Bart rieselten, wenn er sich unter den tiefhängenden Zweigen duckte. Die Sonne strahlte aus dem zartblauen Himmel und blinkte auf Helmen, Naseneisen, Kettenhemden, Speerspitzen, Säbelschneiden und Schwertknäufen. Um das Eisen herum ein bunt gemischter Haufen von Stoffen, Flicken, nackter Haut und ausgeblichenen Tätowierungen. Ein Windstoß fuhr Gevert ins Gesicht und zupfte an den stumpfen Haarspitzen, die unter seiner Lederkappe hervorsahen. Für einen richtigen Helm hatte es wieder nicht gereicht.

 „Was für eine Schande, wie?“

 Der Mann zu seiner Linken knurrte nur. Seine Haut verströmte einen unangenehm süßlichen Geruch. Gevert wusste nicht, warum er sich ausgerechnet diesem Miesepeter an die Fersen geheftet hatte. Im Grunde machte es keinen Unterschied. Er stand nicht alleine herum, das war die Hauptsache.

 „Bist keiner von den Gesprächigen, schon klar. Wusste ich sofort. Du hättest meinen Nachbarn vom letzten Mal sehen sollen. Schmalhans, aber was für einer. Haben darauf gewettet, ob ers überlebt. Und was soll ich sagen, er–“

 Ein dumpfer Hornstoß verschluckte den Rest. Stille legte sich über das Heer. Gevert rückte von seinem Nebenmann ab, der einen erschrockenen Satz gemacht und nach seiner Waffe gegriffen hatte, und blickte nach vorne. Dort, auf dem nächsten Hügel, blinkte die Sonne auf den Helmen der Anderen. Der Wind streichelte Geverts staubgeschwärzte Hände und kitzelte in seinem struppigen Bart. Er starrte auf den grün schillernden Käfer, der sich zu seinen Füßen durchs Gras kämpfte, und lauschte angespannt. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sein Puls pochte heftig.

 Ein dumpfer Hornstoß antwortete. Die blinkende Menge von Helmen auf der anderen Seite setzte sich in Bewegung. Weiter die Frontlinie herunter riss jemand sein Schwert in die Höhe und brüllte etwas. In einer Kaskade ergoss sich das Heer über den Hügel und die Stiefel schlugen einen donnernden Takt, zu dem der Schlachtgesang aus den Kehlen polterte. Gevert schwenkte sein Schwert und schrie sich schon in der zweiten Strophe heiser. Es war ihm egal. Hier gehörte er hin, in diesen Moment, in dem sich alles in seinem Kopf auflöste im Hämmern seines Herzens, in den keuchenden Atemzügen zwischen großen Worten und dem Klirren der Rüstungen. Hier hatte er seinen Platz, in der Reihe seiner Kameraden, die seine Sprache sprachen oder schwiegen. Er hatte ihn gefunden. Den schönsten Ort auf der Welt.

 Dann prallten die ersten Kämpfer aufeinander. Sie rutschten über das feuchte Gras, strauchelten und stolperten, und dann bissen die Waffen zu. Gevert hörte das Schreien die Frontlinie entlangrasen. Neben ihm erwischte es den Miesepeter. Sein Kiefer klaffte auf wie ein Scharnier. Da stand der Gegner auch schon vor Gevert, eine hochgewachsene Frau mit schwarzem Zopf, in den Augen das reinste Vergnügen und keine Spur von Panik.

 Gevert hob das Schwert gerade noch rechtzeitig. Sie war gesprungen, ein massiger Körper mit einem Säbel in der Hand. Metall kreischte auf Metall, als ihre Waffen aufeinandertrafen. Geverts schartige Schneide zitterte und die Klinge der Frau rutschte ab, knapp an seiner Schulter vorbei. Lachen blubberte ihr über die Lippen, der Säbel schwang erneut durch die Luft. Geverts Unterarme brannten. Die Frau schlug zu, ihr Kreischen drang ihm in den Schädel, und wieder stemmte er ihr die Schneide entgegen, quer vor seinem Gesicht, und sie war ihm so nahe, dass er ihren süßlichen Atem roch. Sie drückte die Klinge auf seinen Schädel zu. Er spuckte ihr ins Gesicht. Mit einem Aufschrei fuhr sie zurück, trat blindlings nach ihm und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. Bräunliche Schlieren von Kautabak klebten ihr in den löchrigen Augenbrauen. Gevert wollte vortreten, den Arm schon zum Stoß erhoben, da brach sie vor ihm zusammen. Blut spritzte in das zerwühlte Gras zu ihren Füßen, woher, das konnte Gevert nicht erkennen. Plötzlich ein heftiger Schmerz an seiner Schläfe, knapp unter dem Haaransatz, eine funkelnde Speerspitze. Sie blieb im Leder der Kappe hängen. Gevert wollte danach greifen, dem Gegner die Waffe entreißen, da zog der sie auch schon zurück. Ein Jüngling in schlecht sitzender Rüstung, weich in den Knien und das Gesicht hinter einer Ledermaske. Aus den Löchern starrten Gevert zwei erschreckend hellblaue Augen an.

 „Netter Versuch, Jungchen“, keuchte er. „Willst mich töten?“

 Der Andere ließ den Speer durch die Hände gleiten und gab ein klickendes Geräusch von sich. 

 „Dann versuchs doch!“

 Der Speer schoss vor, tiefer gezielt diesmal, doch Gevert war vorbereitet. Er sprang zurück, schlitterte im Schlamm und griff nach dem Schaft. Die Waffe zuckte außer Reichweite, bewegte sich geschmeidig in den Händen des Anderen, jede Bewegung genau bemessen. Klick. Klick.

 „Ich versteh deinen Scheißdreck nicht!“, brüllte Gevert. Seine Knie schmerzten grauenvoll. Er gehörte nicht hierher. 

 Da kam der Speer erneut. Gevert grapschte in die Luft und bekam Holz zu fassen. „Ha!“ Er riss daran. Ein Fehler. Die Waffe glitt dem Anderen mit einem Flüstern durch die Hände und Gevert stürzte rückwärts, prallte hart auf den Boden und schmeckte Blut. Ein Körper stürzte auf ihn. Gevert wollte ihn wegschieben und aufspringen, da schlossen sich Arme und Beine um ihn, stahlhart und unerbittlich. Er schrie, die Luft entwich aus seinen Lungen, und sofort wurde der Klammergriff enger. Er konnte nicht mehr einatmen. Ein Unterarm drückte auf seine Kehle und der fremde Körper presste sich so eng an ihn, dass sie miteinander zu verschmelzen schienen. Gevert warf sich herum, bekam die Füße unter sich und stieß die Hüften hoch, doch der Andere war unerbittlich. Seine hellen Augen brannten sich in Geverts, blau wie der Himmel über ihnen und zu Schlitzen verengt. Geverts Herzschlag hämmerte gegen seine Schläfen. Er musste atmen. In seiner Brust tobte ein wütender, verzweifelter Schmerz. Er wollte nicht sterben. Sie würde niemals erfahren, was mit ihrem Vater passiert war. Mit letzter Kraft befreite Gevert seine Hände. Er kratzte über die Rüstung des Anderen, bis er seinen Hals ertastete, spürte, wie er sich noch fester an ihn drückte, um seinem Griff zu entgehen. Seine Muskeln brannten. Sein Schädel schmerzte, als wollte er zerspringen.

Kapitel 11

Created with Sketch.

Das Patschen kleiner Hände auf ihrem Gesicht weckte Mejajaliakij‘ in der Finsternis des nächtlichen Zimmers. 

 „Mamma.“

 Sie knurrte und rieb sich die Spucke vom Mundwinkel. An ihrer Schläfe hatte das Kissen einen schmerzhaften Abdruck hinterlassen. Das letzte Bild aus ihrem Traum stand ihr noch immer vor Augen, ein Flur mit Türen zu beiden Seiten, der sich ins Unendliche fortsetzte. Unter ihren nackten Füßen hatte das Holz geknarrt, während sie lief und lief, an jeder Tür innehielt und die Hand nach dem Knauf ausstreckte, um sich dann im letzten Moment abzuwenden und ihren Weg fortzusetzen, begierig, zu sehen, wie viele Türen noch kommen würden. Aus ihren Nischen in der Wand hatten unzählige Kerzen ihr das Gesicht gewärmt.

 „Mamma!“

 Die Hände gruben sich in ihre Haare. Jetzt erkannte sie auch die Stimme. 

 „Lass mich in Ruhe, Kai. Ich habe keine Zeit für dich. Geh zu Jan.“

 „Nich‘ gut, Mamma.“

 „Was ist nich– au!“ Sie stieß ihn von sich, dass er rücklings aufs Bett fiel, und rieb sich das Auge. „Hast du sie nicht mehr alle?“

 „Kijki?“ Tejkuija‘ regte sich neben ihr. „Was ist los?“

 „Nichts, alles in bester Ordnung. Kai hat mir nur gerade fast das Auge ausgestochen.“

 Die Decke raschelte, dann senkte sich die Matratze und Tejkuija’s nackte Füße tappten über den Teppichboden. Einen Augenblick später flammte eine einzelne Öllampe auf und tauchte das Schlafzimmer in ihr weiches, flackerndes Licht. Tejkuija‘ kam zurück zum Bett und stellte die Lampe auf den Nachttisch. Quer über die linke Seite ihres Gesichts lief eine rote Linie, wo ihr Kopf auf einer Kissenfalte gelegen hatte. 

 „So, jetzt können wir zumindest etwas sehen.“

 Sie setzte sich auf die Bettkante und sah Kai an, der am Kragen seines Nachthemds kaute. Sein schwarzer Haarschopf war vom Schlaf zerwühlt und seine Wange mit Sabber verschmiert.

 „Was ist denn, Kleiner?“

 „Nich‘ gut, Mamma“, sagte er undeutlich durch den Stoff hindurch und deutete zaghaft neben sich. „Entschuldigung.“

 Mejajaliakij‘ beugte sich vor, sah den dunklen Fleck auf der Decke und ließ sich mit einem entnervten Stöhnen gegen das Kopfende des Bettes sinken. „Nicht schon wieder.“

 Tejkuija‘ stand auf und zog an der Schnur neben der Tür. Draußen auf dem Gang läutete die Glocke.

 „Mamma“, murmelte Kai.

 „Ja, was, Mamma?“, fuhr Mejajaliakij‘ ihn an. „Wie alt bis du eigentlich? Zwei? Wann wirst du endlich lernen, auf den Topf zu gehen, wenn du pinkeln musst?“

 Kai wich ängstlich bis zur Bettkante zurück und kauerte sich unter dem wütenden Blick seiner Mutter zusammen. Seine Hände umklammerten den durchweichten Kragen des Nachthemds, und seine weiche Haut spannte sich über den Fingerknöcheln. Sein verängstigtes Gebaren reizte Mejajaliakij‘ nur noch mehr. Sie war noch lange nicht fertig mit ihm.

 „Wann, hm? Kannst du mir diese Frage mal beantworten? Willst du etwa, dass sich alle über uns lustig machen, weil wir dir die einfachsten Dinge nicht beibringen können? Du kannst ja noch nicht mal mich und deine Mamma unterscheiden!“

 Kais Gesicht verzog sich. Seine Unterlippe zitterte.

 „Also, was ist nun mit der Antwort auf meine Frage?“

 Er brach in ein halb unterdrücktes Weinen aus, das seinen kleinen Körper schüttelte. 

 „Jetzt lass doch mal gut sein.“ Tejkuija‘ nahm den Jungen auf den Arm, ohne sich um die verklebten Beine und das durchnässte Hemd zu kümmern. Kai schlang die Arme um ihren Hals und drückte das Gesicht an ihre Brust. Mit der freien Hand strich sie ihm über den Kopf. „Ist doch nicht so schlimm“, murmelte sie in sein Haar und wiegte ihn hin und her. Über seinen Kopf hinweg warf sie Mejajaliakij‘ einen eindeutigen Blick zu. „Ist nicht schlimm.“ 

 Mejajaliakij‘ öffnete den Mund, da klopfte es an der Tür. Sie schwang die Beine über den Bettrand. „Ja?“

 Nim erschien auf der Schwelle, die Arme vor der Brust verschränkt und den Kopf gesenkt.

 „Komm herein“, sagte Tejkuija‘ und ging mit Kai auf dem Arm zum Kleiderschrank, „und zieh das Laken ab. Das Unterbett auch, wenn es nass ist.“

 Nim warf Mejajaliakij‘ einen Blick zu. Sie nickte und erhob sich. Er kam mit lautlosen Schritten über den Teppich, kniete sich neben das Bett und begann, das Laken zu lösen. Seine Hände arbeiteten schnell und präzise.

 „Gut.“ Tejkuija‘ nickte zufrieden und schloss den Kleiderschrank. „So, Kai, und wir sorgen jetzt dafür, dass du wieder sauber wirst. Was meinst du?“

 Kai schniefte und zog mit dem Handrücken eine Spur quer über seine Wange. „Ja. Meine ich.“

 Tejkuija‘ hob den Saum seines Hemds und wischte sein Gesicht ab. „Kommst du mit?“, sagte sie zu Mejajaliakij‘.

 Sie blickte zu Nim hinüber, der die Decken nach feuchten Stellen abtastete, und nickte. „Ich hole mir nur kurz einen Überwurf.“ 

 Tejkuija‘ blieb neben der Tür stehen. Am liebsten hätte Mejajaliakij‘ sie gebeten, schon vorzugehen, und wäre dann verschwunden. Sie wusste nur nicht, wohin. In der Halle war es so früh am Morgen dunkel und kalt, und sie hatte nicht vor, einen Diener zu rufen, damit er das Feuer im Kamin entfachte. Am Ende würde ihre Schwiegermutter aufwachen, die wieder einmal den Gästeraum nahe der Halle bezogen hatte, und ihre Meinung konnte sie jetzt am allerwenigsten gebrauchen.

 Den Überwurf fest um die Schultern gezogen, folgte sie Tejkuija‘ den Gang hinunter. Sie hatte eine weitere Lampe angezündet und hielt sie mit einer Hand vor sich, während sie an den benachbarten Schlafzimmern vorbeiging. Das Flackern auf ihrem Gesicht erinnerte Mejajaliakij‘ an den Traum, aus dem Kai sie geweckt hatte, doch die Wärme blieb diesmal aus. Da war auch nichts zu spüren von einer Kraft, die sie vorwärtszog, und nichts von der drängenden Neugier darauf, wo der Gang enden würde. Sie fröstelte in der morgendlichen Kälte. Kais Augen glänzten in den Schatten an Tejkuija‘s Schulter, sie war sich sicher, dass er sie ansah. Sie hatte es so satt, ihn ständig zurechtzuweisen, sie hatte genug von seiner weinerlichen Stimme und seinen schüchternen Versuchen, sich in ihre Nähe zu drängen. In der Dunkelheit des Gangs erwiderte sie seinen Blick und legte die Hand schützend auf ihren Bauch. Nach der Geburt des neuen Kindes würde sie dafür sorgen, dass er sich von ihr fernhielt. 

 Sie betraten das stille Bad. Der Boden war so kalt, dass Mejajaliakij‘ es selbst durch die hohen Sohlen der hastig übergestreiften Sandalen spürte. „Soll ich jemanden rufen, der das Wasser warm macht?“ 

 „Das mache ich schon selber“, sagte Tejkuija‘ zur ihrer Erleichterung und stellte die Lampe auf die Fliesen. Ihr Schatten tanzte über die Wand. „So viel Wasser brauchen wir ja nicht.“ Sie setzte Kai ab, und er verfolgte interessiert, wie sie in der Nische an der Wand ein Feuer entfachte und einen kleinen Kessel darüberhängte.

 „Machst du Tee, Mamma?“

 „Nein, nur Wasser.“

 „Warum?“

 Tejkuija‘ nickte Mejajaliakij‘ zu und erhob sich, um ein sauberes Tuch aus dem Schrank neben der Tür zu holen.

 „Warum?“, wiederholte Kai.

 „Damit wir dich sauber kriegen.“ Mejajaliakij‘ bemühte sich um den gleichen freundlichen Ton, den Tejkuija‘ so mühelos traf, wann immer sie mit dem Jungen redete. Ihre eigene Stimme klang ihr fremd in den Ohren. 

 Kai zuckte zusammen, als er sie so plötzlich sprechen hörte, und drehte sich zu ihr um. Vom Feuer aus krochen die Schatten über sein Gesicht und verschmolzen an den Schläfen übergangslos mit seinem schwarzen Haar. „Dich auch, Mamma?“

 „Nein. Und es heißt nicht Mamma, Kai.“

 Er kaute schon wieder an seinem Hemd, zog den durchnässten Saum mit den Zähnen hoch, bis er mit einem Schmatzen über seine Unterlippe rutschte und zurückschnellte. „Wie denn?“

 „Mama. Ich bin deine Mama.“ Sie kam sich wie ihr eigenes Echo vor. „Das ist deine Mamma.“ Sie deutete auf Tejkuija‘, die eben mit zwei Lappen zurückkehrte.

 „Mamma“, sagte Kai zaghaft.

 „Meinst du etwa mich?“, fragte Tejkuija‘ und beugte sich zu ihm hinunter, um ihn mit einer beiläufigen Bewegung unterm Kinn zu kitzeln. „Nicht mal zwei Schritte kann ich gehen, schon rufen wieder alle nach mir.“

 Kai quietschte in einer wilden Mischung aus Freude und Angst und griff nach ihren Fingern. „Nicht die Krabbelkäfer, Mamma!“

 „Ach, die nicht?“ Sie fuhr ihm mit den Fingern durch die Haare. „Und was ist mit den Schlangen?“
 „Die mag ich.“

 Sie lachte und griff nach dem Saum seines Hemds. Bereitwillig hob er die Arme und ließ es sich über den Kopf ziehen. Darunter kam sein weicher, weißer Kinderbauch zum Vorschein. Leicht schwankend stand er so in dem großen, dunklen Badezimmer, bis Tejkuija‘ seine Hände in ihre nahm und ihn hinüber zum Feuer zog. „Na, dann aber hoffentlich nur meine und nicht die echten. Die sind nämlich nicht so nett, das kann ich dir aber sagen.“

 „Warum denn?“

 Sie tauchte die Finger ins Wasser. „Tja, das weiß ich auch nicht so genau.“ Sie nahm einen Lappen und begann, seine Beine abzuwaschen. „Vielleicht kann Mama dir das erklären?“

Kapitel 12

Created with Sketch.

„Was hast du also getan?“

 Geverts Blick wanderte hinüber zur Stadt und fand die Spitze des Kirchturms. Er dachte an die eisenbeschlagene Tür, die sich mit einem Knall hinter der Hausmutter geschlossen hatte, und an den letzten Blick über die Schulter, den Lys ihm zugeworfen hatte, bevor sie die Schwelle überquerte. „Ich habe sie ins Waisenhaus gegeben.“

 Ein langer Moment des Schweigens folgte. Calija rieb sich nachdenklich den Nacken und blickte zu den Türmen der Stadt hinüber. Die Wolkendecke über ihnen riss auf, der Mond war blasser geworden.

 „Du hast richtig gehandelt“, sagte sie plötzlich leise, ohne ihn anzusehen. Gevert erschrak, wie klein und verletzlich sie mit einem Mal wirkte, die eine Hand um den Speer geklammert, die andere steif vor dem Bauch. Er hatte nicht gewusst, wie wenig er auf diesen Anblick vorbereitet war.

 „Meinst du?“, fragte er ebenso leise.

 „Du wolltest doch nur, dass sie überlebt“, sagte sie mit einem ruckartigen Nicken, das ihre Stimme zittern ließ. „Auch wenn du sie dafür weggeben musstest, war es doch das Beste für sie. Wenn man Kinder hat, sollte man das immer tun. Das Beste für sie. Wenn meine Kinder nicht–“ Sie unterbrach sich. „Ich meine, wenn ich Kinder hätte, würde ich dasselbe tun. Denke ich.“

 Gevert war klar, was sie eigentlich hatte sagen wollen, doch er traute sich nicht zu fragen, was mit ihren Kindern passiert war. „Danke.“ Er räusperte sich. „Es ist schön zu hören, dass du mich verstehst. So genau habe ich das noch nie jemandem erzählt.“

 Calija antwortete nicht, und eine Weile standen sie wieder stumm beieinander. Ein Windstoß kündigte sich in der Ferne an, brauste durch die Wipfel der Bäume und fuhr dann über sie hinweg. Gevert hob den Kragen an und ließ den kühlenden Luftzug an seine Haut. Dann legte sich der Wind und die Bäume verstummten. Unter Calijas Fuß knackte ein Zweig, als sie ihr Gewicht verlagerte.

 „Kann ich noch etwas fragen?“, sagte sie unvermittelt.

 „Wüsste nicht, dass du dafür meine Erlaubnis brauchst.“

 Sie nickte zur Stadt hinüber. „Ist sie immer noch hier? Im Haus neben der Kirche?“

 „Schon lange nicht mehr. Sie ist in ein anderes Haus gezogen, in eine andere Stadt. Hier gab es zu viele Probleme.“

 Er verschwieg ihr, dass Lys selbst diese Probleme verursacht hatte. Sie war weitergereicht worden, mehrmals, denn kaum eine Hausmutter hatte sie länger als ein Jahr behalten wollen. Gevert hatte das erst nicht glauben können. Als er vor der eisenbeschlagenen Tür gestanden und gehört hatte, dass seine Tochter eine Zumutung für die übrigen Kinder sei, hatte er das für einen schlechten Scherz gehalten. Lys war ein wildes Kind gewesen, aber nie böswillig.

 „In welche Stadt?“

 „Kaubsfelde, unten an der Handelsroute. Ich war schon lange nicht mehr so nahe dran wie heute. Letztes Jahr war ich nur im Norden unterwegs.“

 „Hast du sie besucht?“

 „Zweimal. Ich wollte wissen, was passiert war und warum sie nicht in Hadimssturz bleiben konnte. Also bin ich nach Süden, von hier aus einen Tagesmarsch, und am Abend angekommen, es wurde schon dunkel. Der Pförtner wollte mich erst wegjagen, aber so, wie ich aussah, hätte ich auch nichts Anderes erwarten sollen. Er hat mich eine Ewigkeit vor dem Tor warten lassen. Hat übrigens eine Menge Astlöcher, dieses Tor. Da wird es nicht langweilig.“

 Calija lachte.

 „Wahrscheinlich stehen öfter so Gestalten wie ich vor der Tür, da dachten sie sich, sie könnten ihnen die Wartezeit verkürzen. Du wirst auch von jedem angestarrt, der zu der Zeit noch vorbeigeht. Alles in allem eine schöne Erfahrung.“ Er dachte an das Rumoren in seinem Magen, das nicht nur vom Hunger gekommen war, und daran, wie er sich erfolglos eingeredet hatte, dass er sich keine Sorgen machen musste. Sie war seine Tochter. Sie würde ihn verstehen. „Jedenfalls kam dann endlich die Hausmutter raus, so eine weißblonde Fuchtel mit einem Haarknoten, der so fest saß, als wäre sie damit geboren worden. Lys hing ihr an der Hand, hat mich angestarrt wie einen Fremden. Ich habe sie gefragt, wie es ihr geht, aber sie hat nicht geantwortet. Hatte auch gar keine Zeit dazu, weil die Alte sofort wissen wollte, wer ich bin.“

 „Sie mochte dich wohl nicht.“

 „Wenn doch, dann hatte sie eine seltsame Art, das zu zeigen. Ich habe ihr gesagt, dass ich von Lys‘ Umzug gehört hatte, und dass ich gekommen war, um zu sehen, ob es ihr gut ging. Ich hätte gerne allein mit meiner Tochter gesprochen, aber daran war nicht zu denken. So, wie die Alte mich behandelt hat, konnte ich froh sein, dass sie mich nicht gleich rausgeschmissen hat. Meinte, sie müsste rein, die Kinder ins Bett bringen.“ Er klopfte sich auf die Brust. „Aber so schnell habe ich mich nicht geschlagen gegeben. Ich habe gefragt, ob ich am Morgen wiederkommen kann.“

 „Und?“ Calija beugte sich vor. Gevert hörte deutlich die Anspannung in ihrer Stimme.

 „Ein Reinfall. Sie hat noch einen Blick auf meine Kleider und meinen Bart geworfen, die tatsächlich schon sauberere Tage erlebt hatten, und gesagt, so spät am Abend würde sie keine Entscheidungen mehr treffen.“

 „Aber am nächsten Morgen doch.“

 „Hat auch nichts gebracht“, sagte er und verschwieg ihr damit, dass er in einem Stall übernachtet und sich beim ersten Tageslicht davongeschlichen hatte. Es war nicht so sehr der strenge Blick der Hausmutter, vor dem er sich gefürchtet hatte, sondern die kalten Augen seiner Tochter.

 „Und das zweite Mal?“

 „Vor zwei Jahren. Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hat. Kaum hatte ich ein paar Münzen übrig, dachte ich schon, ich könnte wieder für sie sorgen.“ Er rieb sich übers Gesicht und blickte auf das dunkle Feld unter ihnen. Es überraschte ihn, wie leicht es ihm fiel, ihr all das zu erzählen. „Die Hausmutter hat nach meiner Arbeit gefragt, dann, ob ich eine Frau habe, und die Antworten haben ihr nicht gefallen. Ein drittes Mal habe ich es noch nicht versucht, ich mache mir nämlich keine Hoffnungen, dass die Alte ihre Meinung geändert hat.“ 

 Calija schwieg lange. Sie war ihm so nahe gekommen, dass er ihren Atem hörte, der ruhig und weich klang, beinahe als schliefe sie. Er sah sie von der Seite her an, betrachtete die leicht geöffneten Lippen über dem runden Kinn und erkannte, dass er sich von Äußerlichkeiten hatte täuschen lassen. Sie suchte etwas, von dem sie selbst nicht wusste, was es war, und sie brauchte Hilfe, um die sie nicht bitten konnte.

 „Du bist ein seltsamer Mann“, stellte sie schließlich fest, als Gevert schon glaubte, sie würde gar nichts mehr sagen.

 „Soll das ein Kompliment sein?“

 „Du bist fast wie ein Bruder“, sagte sie, ohne auf seine Frage einzugehen. 

 „Bin ich ja auch“, sagte er, etwas verwirrt über den plötzlichen Themenwechsel. „Zumindest, wenn du meine älteren Brüder nach mir fragst.“

 „Bist du nicht“, unterbrach sie ihn. „Du bist ein Mann, also kannst du keinen Bruder haben. Das kann nur eine Schwester.“

 „Schon wieder dieses Thema“, sagte Gevert und seufzte. Es war entschieden zu tief in der Nacht, um ihre verdrehten Vorstellungen von der Welt verstehen zu wollen. „Sag mal, du bist doch nicht erst seit gestern in der Gegend, oder?“ 

 „Nein. Warum?“

 „Ich frage mich nur, wie du bisher klargekommen bist, zwischen all diesen Männern, die Brüder und sogar Kinder haben. Ist dir da nie eingefallen, dass es vielleicht doch möglich sein könnte?“

 „Ist es nicht“, sagte sie sofort. „Ihr benutzt dieselben Begriffe für andere Dinge, aber das ändert nichts. Die Welt kümmert sich nicht darum, wie man sie gerne hätte.“

 „Nein, das tut sie wohl nicht.“ Gevert rieb sich den Hinterkopf. So weit hatte er mit seiner Frage gar nicht gezielt. „Aber davon muss man sich den Tag nicht verderben lassen.“ Er deutete in den dunklen Himmel. „Oder die Nacht, in diesem Fall.“

 „Wenn du das sagst.“ Sie legte den Kopf in den Nacken und blickte hinauf in die Schwärze. Gevert sah, wie sich ihr Hals bewegte, als sie schluckte. Dann packte sie den Speer, rückte von ihm ab und setzte ihre Runden um die Hügelkuppe fort, als wäre sie nie unterbrochen worden. 

Feministische Fantasy?

Wer meine Social Media-Kanäle besucht hat, ist bestimmt schon über diesen Begriff gestolpert. Tatsächlich habe ich ihn schon öfter verwendet, um einige meiner Romanprojekte zu beschreiben, und bin damit meistens auf fragende Blicke gestoßen. Was genau meine ich also damit?

Nachdem ich mit dem Schreiben des ersten Teils von Sonnentöchter fertig war, habe ich lange überlegt, in welches Genre das Buch am ehesten passt. Für konventionelle Fantasy hat es eindeutig zu wenig Drachen, Zwerge oder grandiose Schlachten zu bieten – das einzig Phantastische sind die Gesellschafts- und Familienformen, in denen die Charaktere leben. Ich wollte wissen, wie es sich tatsächlich anfühlen würde, in einem matrilinearen Matriarchat zu leben, in dem alle Macht in den Händen der Mütter liegt und alles Erbe nur an die Tochter weitergegeben wird. Wie sehen die Beziehungen innerhalb der Familie aus? Wie wachsen die Mädchen in einer solchen Gesellschaft auf? Was machen die Mütter mit der Macht, die sie über ihre Kinder haben? Und wie geht es den Jungen, die von Kindesbeinen an hinter ihren Schwestern zurückstehen?  Es ging mir darum, alternative Gesellschaften und Geschlechterrollen zu erkunden und die Menschen darzustellen, die in diesen Systemen versuchen, ihr Glück zu finden. Dabei sind mir dann – wenig überraschend – immer wieder Themen begegnet, die  auch in feministischen Diskursen  auftauchen: Lebensgeschichten und -welten von Frauen, Körperlichkeit, Selbstbestimmung, Machtstrukturen in Gesellschaften und Familien, Narrative vom Mann- und Frau-Sein... Das sind eben genau die Themen, die mich interessieren und die ich gerne in jeder nur möglichen Form in fiktionalen Universen umgesetzt lese. Da wusste ich dann, dass ich meine Nische gefunden hatte!