Übersetzungen

Ich übersetze aus dem Finnischen, bevorzugt Phantastisches, aber auch Belletristik im Allgemeinen, Kinder- und Jugendbücher und Kurzgeschichten, und bin unter anderem im Übersetzernetzwerk Kääntöpiiri der finnischen  Experten- und Exportorganisation FILI – Finnish Literature Exchange zu finden.

2019

Jedem sein eigener Himmel (Suvi Kauppila)

Created with Sketch.

Im Grau des frühen Morgens, das an Plastik erinnerte, schwebten riesige Möwen am Vektorhimmel. Es regnete wie immer. Die Darstellung der glänzenden Regentropfen hätte ich zwar deaktivieren können, aber das hätte die Feuchtigkeit nicht von meiner Haut vertrieben. Ich zog die Ärmel des schwarzen Kapuzenpullis bis über die Handgelenke und ging mit gesenktem Kopf am Flussufer entlang.

    Ein Schwall warmer Luft begrüßte mich, als ich die Wolkenbar betrat. Den Namen krönte ein Neonschild in Form einer Pilzwolke. Diese Neohipster und Antitechnoanarchisten hatten Sinn für Humor. Schon rannen mir die ersten Schweißtropfen den Rücken hinunter, bevor das Wärmeregulierungssystem ansprang. Die Umrisse der Theke und der Möbel aus Bioholz glühten golden in meinem Blickfeld. Einen Moment lang registrierte ich etwas an seinem äußersten Rand. Ein dunkler Fleck im Netz, eine Reaktion auf die Veränderung des Lichts. Meine neuen Iristeel-Implantate hätten das eigentlich nicht zulassen sollen. Ich blinzelte. Die Störung verschwand wie eine fortgescheuchte Fliege.

    „Jade! Schalt mal ab und komm her!“

    Ich warf einen flüchtigen Blick auf die handgeschriebene Liste, die alles aufführte, was die Bar zu bieten hatte, von grünem Tee bis zu Halluzinogenen. Ich bestellte einen Kaffee, wegen des Retrofeelings, und steuerte auf meinen gewohnten Tisch und den vertrauten Lichtschimmer zu. Schwarze Kleidung und Haare waren Aikos Erkennungsmerkmal, aber im Netz lag über ihrer Gestalt immer ein feiner moosgrüner Glanz, der ihr ein weiches, elfengleiches Gesicht gab. Aikos Finger trommelten auf den Tisch.

    Ich trennte mich mit einigen Nervenbefehlen vom Netz. Die Highways und Trugbilder des Cyberspace über der organischen Wirklichkeit verblassten und verschwanden. Anstelle einer leuchtenden Datenmetropole erschien eine verlebte Eckkneipe in einer Stadt, die langsam im Schlamm versank. Als mit biologischen Waffen bestückte Raketen Zerstörung in den Siedlungszentren Europas verbreitet hatten und die Infrastruktur zusammenbrach, waren nur die Randbereiche der Karte verschont geblieben. Die Datenrevolution floh nach Norden. Während Helsinki noch unter einer Quarantäne litt, strömten die Flüchtlinge in die übrigen Küstenstädte. Turku wurde zum Mekka der Zivilisation.

    Die unausgesprochene Hoffnung war, dass man von dort auch schnell wieder wegkäme. Wenn denn jemand die Dinge in Ordnung brächte. An einem nicht allzu fernen Tag. Und dann waren fünf Jahre vergangen.

    Die aggressive Akne auf Aikos rundem Gesicht war eine Nebenwirkung der Operation, die sie in einem östlichen Nachbarstaat hatte machen lassen. Ihre kräftigen Eyeliner-Tattoos streckten sich in Richtung der zierlichen Nase, die seit letzter Woche noch schmaler geworden war. Die unbearbeitete Wirklichkeit fühlte sich genauso mies an wie die Symptome einer beginnenden Depression. Ich tippte mir mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe.

    „So besser?“

    Aiko grinste. „Kommen wir zur Sache.“

    „Immer nur Geschäft bei dir“, seufzte ich.

    Besser so. Ich wollte nicht neben Aiko aufwachen und mich vor den neuen Optimierungen fürchten, die das Tageslicht enthüllen würde. Ich wusste, dass Aiko nicht zu einem ziellosen Nomadenleben passte. In Japan gehörten die Angestellten den großen Firmen, die ihr Leben in allen Einzelheiten steuerten, von der Wiege bis ins Grab. In ihr Heimatland konnte Aiko jedoch nicht zurückkehren. Reisende aus Europa wurden abgefangen, noch bevor sie die Grenze erreichten. Vielleicht war Aikos endlose Selbstoptimierungskampagne ein Versuch, so etwas wie Ordnung in ein Leben zu bringen, das unwiderruflich aus der Bahn geraten war.

    Optimierung war das Gebot der Stunde. Ich ritt auf ihrem Wellenkamm, genauer gesagt flog ich. Die alten Metaphern entwickelten sich immer noch weiter, obwohl die Tiere, auf die sie sich bezogen, schon lange ausgestorben waren. Vor einigen Jahren hatte es in der Wolkenbar von Hackern gewimmelt. Jetzt waren sie eine bedrohte Art unter vielen, alte Cyberpunks, Ritter von trauriger Gestalt, aus deren Köpfen Kabel und LED-Lämpchen ragten. Sie waren abhängig von den klobigen Steuereinheiten, die sie überallhin mitschleppten. Ikea-Repliken hatten mit der Zeit das futuristische Chrom und den Stahl ersetzt. Neonostalgie war die vorherrschende Stilrichtung und niemand trug mehr verspiegelte Sonnenbrillen, selbst wenn man ihn dafür bezahlt hätte.

    Ab und zu tauchten in der Bar noch immer Relikte der antiquierten Zukunft auf. Die Hacker wussten immer, wer und was ich war. Sie erkannten wohl an meinen Augen und Gesichtszügen, dass ich nicht in derselben Wirklichkeit feststeckte wie sie. Mein Blick und die Art, wie ich mich bewegte, standen immer in einem leichten Widerspruch zur konkreten Wirklichkeit. „Hey, Segler“, rief mitunter jemand von der Theke her, oder „Scheißtagfalter“, wenn sie in ihrem Nostalgiesumpf bis zu den alten Beleidigungen gesunken waren. Mit den Hackern ließ sich gut Geschäfte machen, wenn man denn bereit war, die Spitznamen zu ertragen und ihnen Halluzinogene zu beschaffen, die sie benutzten, um das Netzerlebnis zu simulieren.

    Manchmal blieb ich, um mit ihnen zu saufen, aber ihre bittere, abgekoppelte Existenz bedrückte mich. Durch die farbigen, auf der Haut verlaufenden Kabel und Schaltungen sahen sie aus, als wären ihre Innereien nach außen gekehrt worden. Die primitive Netztechnik hatte in ihren Gehirnen bleibende Schäden hinterlassen und sie mit der Technologie der folgenden Generation inkompatibel gemacht. Das Netz hatte alles aus ihnen herausgepresst und sie dann fallen gelassen. In den Körper eingebaute Computer und Biotech waren jetzt modern. Halborganische Strukturen wurden direkt ins Gehirn verpflanzt, wo sie sich auf eine Weise anpassten und weiterentwickelten, die mit keiner Steuereinheit zu vergleichen war. Niemand musste sich mehr ins Netz einloggen. Es lag immer schon ausgebreitet da, bereit, all jene aufzunehmen, die dafür genug Hirn hatten.

    Ich schob Aiko über den Tisch einen Stapel alter, eckiger Speicherchips zu.

    „Wär‘ übrigens viel einfacher, wenn du dir ein Datentransferimplantat holen würdest.“

    „Damit du gar keine Menschen mehr treffen musst, was? Schon wieder Eigencontent…“ Aiko scannte die Chips mit ihrem alten Handterminal, an dem die billigen Ventilatoren angestrengt brummten, um ein Überhitzen zu verhindern. Das Gerät hatte wohl emotionalen Wert. „Luchse, Kolibris, Rokokomöbel, Burlesquetänzerinnen, Visitenkarten aus Pappe, Soldatenuniformen aus irgendeinem Weltkrieg… Altes Zeug.“

    „Die Antike von ihrer besten Seite.“

    „Und die Herkunft kann man nicht nachverfolgen?“

    „Dafür bezahlst du mich doch.“

    Eigencontent waren Add-ons und illegale Mods, die User mit dem passenden Gehirn in ihren Netzwerkapps installieren konnten. Fehlen in deinem Alltag ein paar Tiger, die auf der Straße lauern? Kein Problem. Eine Stripperin, die in deiner Wohnung herumhängt, unsichtbar für alle außer dir? Kriegst du. In der eigenen Wirklichkeit war alles genau so echt, wie es sein sollte. Ein kleiner Nachteil war nur, dass die zusätzlichen Verzierungen es erschwerten, in der nicht-subjektiven Wirklichkeit zu agieren. Das menschliche Gehirn war noch nicht überzeugt davon, dass die angreifende Großkatze bloß eine Konstruktion war.

    Aiko ließ auf ihrem Handterminal einen Preisvorschlag aufblitzen. Ich nickte und hörte als Zeichen der erfolgten Überweisung auf meinen Wolkenaccount Ziggy Stardust losdröhnen, das ich als Erkennungsmelodie eingestellt hatte. Ich hatte eine Schwäche für Renaissancemusik.

    „Ich wollt‘ dich übrigens was fragen. Woher weißt du immer, wann ich im Netz bin?“

    Aiko schenkte mir ein Lächeln, das nach den vielen Bleichungsbehandlungen bereits zu bröckeln begann.

 „Weil du mich sonst nicht anschaust, als würde ich dich interessieren.“

    Darauf fiel mir keine Antwort ein.

    Ich blieb vor der Wolkenbar stehen und erlaubte meinem Gehirn, in den Normalzustand zurückzukehren. Heute war wieder ein schlechter Tag. Die Verbindungen waren zäh und das Datennetz flackerte um mich herum, mal war es da, mal verschwunden. Ein kaltes Gefühl breitete sich in meiner Magengrube aus, als zöge mich ein Eisklumpen in Richtung Erdboden. Als sich das Netz endlich um mich herum entfaltete, pochte mein Kopf schmerzhaft und meine Handflächen waren feucht von Schweiß. Das Sicherheitsnetz hatte mich aufgefangen. Dieses Mal.


Ich stieß morgens oft auf den Jungen, meistens an einem schlechten Tag.

    Die Kopfschmerzen wollten einfach nicht verschwinden. Anstatt illegale Datenflohmärkte zu durchstöbern oder mir die Mühe ehrgeizigerer Hacks zu machen, beschloss ich, meine Raubzüge für den Tag sein zu lassen und rauszugehen. Ich folgte dem Aurajoki in Richtung Hafen. Im Overlay des Netzes bekam seine Oberfläche ein trübes Neonblau. Meine Möwen waren wieder da. Sie blieben stumm, weil ich es nicht geschafft hatte, eine Tonspur aufzutreiben. Die Vögel waren das Einzige, was ich dem Netz hinzugefügt hatte. Kleine Mods nicht mitgezählt. So wie Aiko. Im Netz schenkte sie mir auf ewig das unbeschwerte Lächeln einer Mona Lisa, geheimnisvoll und schelmisch wie eine Kitsune, die sich in die Stadt verirrt hatte. Ein gefangener Moment aus der Jahre zurückliegenden Vergangenheit. Vielleicht hätte damals etwas aus uns werden können.

    Ich steckte die Hände in die Taschen, überprüfte meine Firewall und startete aus alter Gewohnheit ein paar Antivirenprogramme. Wie erwartet fanden sie nichts.

    Ich traf den Jungen an der Föri, die einst im Minutentakt den Aurajoki überquert hatte. Er kauerte an Deck der stillgelegten Fähre und hatte sich in eine schmutzige Plastikplane gewickelt. Er hob den Kopf, als er jemanden kommen hörte und beugte sich wieder über seine Arbeit, sobald er meine Schritte erkannte.

    „Hey, Miro. Was machst du da?“

     „Geht dich nichts an“, sagte der Junge. Das war einfach eine Feststellung. Er hatte eine alte Steuereinheit geöffnet und zerlegt, die ihre mechanischen Eingeweide jetzt quer über das Deck vergoss. Seine geschickten Finger bogen Metall und Plastik auseinander und suchten hin und wieder in einem kleinen Werkzeugkasten nach Dingen, deren Funktion mir schleierhaft war.

    Miro war eines der vielen Hafenkinder, die sich ihren Lebensunterhalt zusammenkratzten, indem sie alte Elektronik modifizierten. Dabei entstanden Spielzeug und Schmuck, exotische Souvenirs aus dem Cyberreich, die Bettler am Marktrand und an den Uferstraßen zum Verkauf anboten. Die meisten Kinder landeten früher oder später in den Straßengangs im Stadtzentrum. Miro wollte niemand aufnehmen. Seine fiebrigen blauen Bioptics sahen schon lange nichts mehr und würden bald sein Gehirn zersetzen. Er konnte aus Schrott Kunst zaubern, doch damit gewann man keine Bandenkriege.

    Mir fiel ein neuer Tic auf seinem Gesicht auf. Der linke Mundwinkel zuckte. Ohne Behandlung würden die cherubinischen Gesichtszüge des Jungen bald langsam herabfließen wie auf einem durchnässten Gemälde. Wieder eine traurige Geschichte mehr. Die armen Familien versuchten, für die Updates ihrer Kinder gebrauchte Bauteile zu verwenden. Der Nachwuchs tat gut daran, einen Weg zu finden, sich ein neues Paar Hände leisten zu können, bevor die künstliche Haut abblätterte. Deadline nach drei Jahren. Noch beschissener war die Lage, wenn es nicht gut lief oder die Eltern sich aus dem Staub machten.

    Ich erinnerte mich lebhaft daran, wie sehr ich selbst mich davor gefürchtet hatte zu erblinden. Der Staat hatte die Subventionen biotechnischer Optimierungen in meiner Kindheit eingestellt. Anstelle von Updates für Augenimplantate wurden Brillen empfohlen. Eine ständige, nagende Furcht war der Dank dafür, dass ich mein Gehirn an ein experimentelles, auf Netztechnologie spezialisiertes Start-up verkauft hatte. Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass sich hinter jeder weitverbreiteten Innovation Jahre unethischer Tests verbargen. War aber immer noch besser, als am Hafen im Müll zu wühlen. Das musste es einfach sein.

    Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte nicht an meine alten Sorgen denken, wenn ich momentan ohnehin genug hatte.

    „Machs gut“, sagte ich zu Miro und ließ ihn im Regen zurück. Das Netz hüllte den Jungen liebevoll ein. Sein Gesicht füllte sich mit durchsichtigen Nullen.


In den darauffolgenden Wochen verschlimmerten sich die Kopfschmerzen. Ich versuchte alles, von Medizinpflastern bis zu Intravenösem. Als ich die Wirklichkeit zum ersten Mal unter mir schwanken spürte und begriff, dass ein Teil verschwunden war – der allerwichtigste – saß ich stundenlang zitternd im Badezimmer auf dem Boden, eine Whiskyflasche in der Hand. Der Schnaps mochte der Antike angehören, aber er war keine Mod, also würde er zumindest nicht verschwinden.

    Ich hatte geglaubt, eine der Glücklichen zu sein. Hatte auch ich eine Deadline, von der ich nichts wusste? Ein letzter Gruß von meinem ehemaligen Besitzer? Die Firma InnoBrainz war schon vor Jahren pleitegegangen und das Gehirn des Geschäftsführers hatte jemand in einem Hinterhof von Datacity verspritzt. Es gab niemanden, den ich fragen konnte. Von dem Start-up war nur noch ein inzwischen mit neuer Farbe überdecktes Tattoo in meinem Nacken übrig.

    Als ich in den Spiegel sah, bemerkte ich in meinem Blick dieselbe glasige Verzweiflung wie bei den Hackern, in eben den perfekten, grün-goldenen Augen, von denen ich einst geträumt hatte. Die Wirklichkeit, die sie mir zeigten, wurde mir langsam zu eng. Ich hätte meine Augen verkauft, um zu korrigieren, was mit mir nicht stimmte, wenn das möglich gewesen wäre.

    Die Spitznamen und der schwarze Humor der Hacker zehrten zunehmend an meinen Nerven. Ich hatte mir angewöhnt, mich aus Solidarität vom Netz zu trennen, wenn ich mit ihnen sprach, aber jetzt war mir schon der Gedanke daran zuwider. Aiko hielt mich mehr als einmal davon ab, mit ihnen in Streit zu geraten.

    „Jetzt setzt du dich hin“, befahl sie und drückte mich an den Schultern in einen Stuhl, „und erzählst mir, was dein Problem ist.“

    Ich öffnete den Mund, aber sie drückte mir die Hand auf die Lippen. „Versuch gar nicht erst zu behaupten, dass alles okay ist. Sieht doch ein Blinder, dass das nicht stimmt.“

    Meine Konzentrationsfähigkeit lag in Scherben. Ich hätte ihre Hand küssen können. In einer anderen Wirklichkeit. Hatte ich auch schon getan, im Netz. Ich begann zu lachen und konnte nicht aufhören. Ein Teil von mir reagierte auf Aikos Worte, aber geistig befand ich mich auf der anderen Seite der Welt. Heute war das Netz noch offen. Jede Bindung an Ort und Zeit war abgerissen. Seltsam, wie sich den Hackern alle Türen öffneten, sobald der Selbsterhaltungstrieb nachgab. Newsserver, geschlossene Datenkanäle, exklusive virtuelle Welten. Ich erwog gerade einen ungesicherten Bungeesprung von der Spitze des Tokyo Tower, als Aikos Nägel sich in meinen Unterarm bohrten und mich ruckartig zurück in die organische Wirklichkeit rissen.

    Ich starrte sie ausdruckslos an. Ihr Gesicht verschmolz mit tausenden anderen im Datenstrom, bis meine umhertastenden Gedanken einen Fixpunkt fanden.

    „Deine Eltern sind gestorben.“

    Ein Informationsschnipsel aus einer sorgfältig vertuschten Pandemiemeldung, der sich an mein Bewusstsein geheftet hatte.

    Aikos Finger auf meinem Unterarm erschlafften. Sie stand auf und ging ohne ein weiteres Wort. Ich blieb zurück und sah ihre Gestalt verschwinden. Ihre Aura loderte heller und schöner als je zuvor.


Das Netz war die einzige Verbindung, die irgendeine Bedeutung hatte.


Nachdem ich in der Bar ein blaues Auge kassiert und Hausverbot bekommen hatte, verbrachte ich die Tage damit, neben Miro am Kai zu sitzen. Um mich herum surrte das Netz und malte dunkle Risse an den Himmel. Die Kombination aus der verzerrten Wirklichkeit und meiner Selbstmedikation gaben mir das Gefühl, chronisch seekrank zu sein. Ich wickelte mich ins Netz wie in einen zerfetzten Umhang und weigerte mich, die Verbindung zu trennen.

    Ich sah zu, wie die Finger des Jungen langsam etwas aus dem Nichts erschufen. Ich wusste nicht, ob ich dazu in der Lage wäre. Könnte ich mein Leben wieder und wieder aus undefinierbaren Teilen neu aufzubauen, die nicht zusammenpassten?

    Allmählich nahm die modifizierte Steuereinheit in Miros Händen Gestalt an. Sie hatte zarte, blaue Plastikflügel und kleine Schrauben anstelle der Augen. Eine grelle Netzstörung spaltete mein Gesichtsfeld wie ein Blitz. Ich kniff die Augen zusammen, aber das Nachbild hatte sich in meine Netzhaut gebrannt.

    „Pass auf deine Vögel auf.“ Ich erschrak, als ich Miros Stimme so nahe an meinem Ohr hörte. Der Junge wiederholte seine Worte. Ich öffnete vorsichtig die Augen. Himmel und Erde waren noch da, ebenso Miros schmutziges Gesicht vor meinem eigenen. Er drückte seinen recycelten Vogel an die Brust.

    „Du auch“, sagte ich und bemühte mich, meinen Mund zu einem Lächeln zu verziehen.

    Miro runzelte die Stirn. Die Furchen blieben in den weichen Falten seiner Haut zurück. Mit dem Zeigefinger strich er über den langen Flügel des Plastikvogels. Die Aerodynamik war perfekt.

    „Das is‘ doch kein Vogel. Das ist ein Jagdflugzeug.“

    Ich schaute hinauf zum Himmel. Irgendwo fiel eine Bombe, still und todbringend. Der Horizont war leer. Die Vögel waren weg.

    Neben mir leuchtete Miros Gestalt auf und verschwand.

    Vögel gab es auf der ganzen Welt nicht mehr. Selbst an meinem eigenen Himmel nicht.

    Ich trat langsam vor bis zum Ende des Kais. Die hellen Lichter des Netzes waren erloschen. Das kupferne Wasser floss in den eisernen Himmel hinein. Nicht einmal eine Feder war zu sehen.

    Stück für Stück löste sich die Welt um mich herum auf. Ich fiel ins endlose Grau und konnte nicht sagen, ob sich der freie Fall noch in einen Flug verwandeln würde, bevor ich auf den Boden prallen und das verseuchte Wasser über mir zusammenschlagen würde.
    Ich balancierte auf den Zehenspitzen am Rand des Kais.

    Segler oder Tagfalter? Das würde sich bald herausstellen.

Übersetzung aus dem Finnischen: Omataivas (Usva, 2017)

Des Henkers Paradigma (Marko Hautala)

Created with Sketch.

Ein roter Himmel. Eine entblößte Brust. Ein Nebel aus Blut. Verstreute Gliedmaßen. Eine bröckelnde Statue.

 Annola schreckte aus seinen Fantasien auf und bemerkte, dass es wieder passierte, genau hier. Er hatte sich in seinen Gedanken verloren. 

    Staubteilchen schwebten durch die Luft in seinem Büro. Sie glitten auf unsichtbaren Luftströmungen dahin und erinnerten ihn daran, dass dies trotz seiner Fantasien die einzige Welt war, die es gab.

 Durch den Staub hindurch betrachtete er die Studentin, die auf der anderen Seite des Schreibtisches schwitzte und nach einer Antwort auf die Frage suchte, von der Annola wusste, dass er sie gestellt hatte, an die er sich aber nicht mehr erinnerte.

    Die Studentin klang außer Atem. 

    „Also, bestimmt kann m-man das auch so angehen…“

    Sie hatte wahrscheinlich bis spät in die Nacht mit diesem Entwurf für ihre Masterarbeit gerungen und unruhige Träume von den fehlenden Quellenangaben gehabt. Annola hatte Verständnis dafür, wie schwer es war, in ihrer Situation zu sein. Er verstand es, hieß es aber nicht gut. 

    „Du wusstest doch bestimmt, dass bell hooks ihren Namen klein schreibt?“, fragte er und klopfte mit dem Stift auf den Tisch. Er sah dem Mädchen nicht in die Augen. Sie sah nicht besonders gut aus, also lohnte es sich nicht. 

    „Nein… das wusste ich nicht.“

    „Du zitierst bell hooks, aber weißt nicht, dass sie ihren Namen klein schreibt, um ihren Respekt für die vorangegangenen Generationen auszudrücken, für ihre Verwandten und die Menschen, die sie beeinflusst haben?“

    „Ich habe nicht unbedingt alles gelesen…“

    „Alles kann man auch nicht lesen. Aber du hättest nur die Suchmaschine aufrufen, ‘bell hooks‘ eingeben und Enter drücken müssen. Das wird wahrscheinlich im ersten Suchergebnis erwähnt.“

    „Diese Theorie ist nicht meine Hauptquelle, aber ich verspreche, dass ich es korrigieren…“

    „Mach dir keine unnötige Mühe“, sagte Annola und warf das Bündel ausgedruckter Papiere über den Tisch. „Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen so veralteten, phallozentrischen, triumphalistischen, sexistischen und vor Kolonialismus triefenden Müll gelesen habe.“

    „Also soll ich nicht noch klären…“

    „Gar nichts musst du klären, nicht mehr. Du hast mich schon dazu gezwungen, das zu lesen. Der Schaden ist angerichtet. Wenn du so einen dumpfen Kram schreiben willst, dann nimm dir irgendeinen in der Vergangenheit lebenden Logiker zum Vorbild. Solche findest du durchaus auch an unserem Institut.“

    Annola dachte sofort an Martin Perkiö. Den Logiker. Das Arschloch. 

    Jetzt sah er dem Mädchen doch in die Augen.

    Sie wusste nicht, was sie antworten sollte. Annola war sich bewusst, dass er hart war, aber das Schreiben einer Masterarbeit sollte auch die Hölle sein. Das Mädchen würde am Abend eine Weinflasche öffnen und sich ordentlich betrinken. Das würde die Scham verschwinden lassen. Am nächsten Tag finge sie dann vielleicht an, ihren Verstand zu gebrauchen. 

    Annola schickte die Studentin ohne weitere Höflichkeiten weg und blieb sitzen, während er den Stift zwischen den Fingern kreisen ließ. Mitleid konnte er sich nicht leisten. Im akademischen Denken musste man brutal sein, wie auf einem Schlachtfeld.


Auf dem Flur des Instituts konnte Annola nicht verhindern, dass er Martin Perkiö begegnete. Perkiö war ein kleiner, zur Glatze neigender Lektor für theoretische Philosophie, dessen ständiges Hin und Her beim Zuschauen den Eindruck erweckten, als lebte er in einer anderen, schnelleren Zeit. 

    Er hielt eine Mappe in der Hand und schien bereits schadenfroh über irgendeine lebenswichtige Sache, die Annola wahrscheinlich vergessen hatte.

    „Du hast doch an das Interview gedacht?“

    Annola versuchte, andere Wörter für seine Antwort zu finden, begriff dann aber, dass es die nicht gab.

    „Welches Interview?“

    „Die Stelle der Sekretärin, Anforderungsniveau 6“, gab Perkiö triumphierend bekannt. „Die letzte Bewerberin kommt heute zum Gespräch. Jetzt um Zwei.“

    Natürlich erinnerte Annola sich. Jetzt. In der letzten Institutssitzung hatte Leino ihm und Perkiö die Verantwortung für das Bewerbungsgespräch übertragen. Heutzutage musste ein Professor die Eignung einer Sekretärin genauso begeistert erörtern können wie die Ontologie des Seins. 

    „Ach ja. Ich dachte, es wäre erst nach dem Mittagessen“, log er.

    „Jetzt“, wiederholte Perkiö schadenfroh.

    Annola war gezwungen, den gewissenhaften Beamten zu geben, so gut er eben konnte. Er hatte bereits eine Verwarnung wegen der Bevorzugung bestimmter weiblicher Studierender bei der Betreuung von Doktorarbeiten bekommen. Annola bezweifelte, dass eine solche Formulierung im Fakultätsrat tatsächlich akzeptiert wurde. Die Beschwerde hatte angeblich als spontane Meinungsäußerung der Studierenden begonnen, doch die ganze Sache stank nach Perkiös Verbitterung. In jedem Fall hatte Annola danach besondere Vorsicht walten lassen müssen, wenn es um bestimmte Studentinnen ging.

    „Ich komme gleich“, sagte Annola. „Gehe nur noch schnell im Büro vorbei. Machen wir das Gespräch in der Kaffeeküche?“

    „Nein“, antwortete Perkiö. „In meinem Büro, wie abgesprochen. Die Bewerberin wartet schon.“

    „Stimmt ja“, sagte Annola düster. „So hatten wir es abgemacht. Ich folge dir.“


Annola stolperte beinahe über die Schwelle, als er die Tür zu Perkiös Büro hinter sich schloss. 

    Er hatte der Bewerberin einen kurzen Blick zugeworfen und gedacht, dass das reichen würde, doch sein Kopf hatte sich ihr erneut zugewandt. Sein Schuh war von der Türschwelle gerutscht. Die Welt schwankte um ihre Achse, aber er behielt das Gleichgewicht.

    „Hallo… Guten Tag…“, murmelte er, während er noch nach dem richtigen Register suchte.

    Die Frau erhob sich aus ihrem Stuhl und sah ihn geradeheraus an. Ihre welligen, rostroten Haare fielen über die Schultern nach vorne und legten sich auf ihre ausladende Brust.

    „Guten Tag“, sagte sie und streckte die Hand aus.

    Annola begriff, dass er bereits alle Autorität verloren hatte, als er an der Tür gestolpert war. Das sah er an ihrer Miene. Am Blick ihrer Augen, die kühl wie Stahl waren, und dem spöttischen Lächeln auf ihren tiefroten Lippen. Er betrachtete die schneeweiße Haut ihres Gesichts und verspürte den wirren Wunsch, dort irgendeinen menschlichen Fehler zu finden, einen mit Puder überdeckten Pickel, einen Mitesser, irgendetwas. 

    „Ja, also“, sagte Perkiö und hüstelte. „Das ist Sigridr Horn.“

    Annola hatte schon vergessen, dass Perkiö überhaupt im Raum war.

    „Stimmt ja“, sagte er und schüttelte ihr die Hand. „Wir haben doch Ihren Lebenslauf gelesen.“

    „Das haben wir in der Tat“, murmelte Perkiö in einem Ton, aus dem wohl nur Annola, von allen Menschen auf der Welt, den tiefen Zweifel heraushörte, ob er daran tatsächlich gedacht hatte.

    Sigridr Horn sah Annola direkt in die Augen und nickte langsam.

    „Wie schön, Sie zu treffen“, sagte sie.

    Was für eine Stimme. Wie der Wind, der über der Tundra wehte. Vor seinem geistigen Auge sah Annola einen Schlitten, der von Huskys gezogen wurde, und wehende rote Haare. 

    „Ein schöner Name“, sagte er und bemerkte, wie schwach seine Stimme geworden war. „Sigridr.“

    „Danke. Meine Mutter ist Norwegerin.“

    „Meine auch“, antwortete Annola und konnte nicht begreifen, warum er solchen Unsinn von sich gab. Er hörte beinahe, wie sich Perkiös schweinslederne Stirn hinter ihm in Falten legte.

    „Wirklich?“, fragte Sigridr erfreut.

    „Naja, eigentlich meine Großmutter“, sagte Annola und hoffte inständig, dass er die Geschichte nicht vertiefen müsste. Zum Glück hielt Perkiö sich ans Protokoll. Sie setzten sich, und das Bewerbungsgespräch begann.

    Vonseiten der Bewerberin lief es tadellos. Bei Annola nicht. 

 Es fiel ihm schwer, Fragen zu stellen und die Antworten zu verstehen. Jedes Mal, wenn Sigridr den Blick auf ihn richtete, breiteten sich übermächtige Fantasiegebilde in den Tiefen seines Gehirns aus. Patriarchalische, die Frau zum Objekt degradierende Bilder von Fellatio im Kopierzimmer, verantwortungslose Kopulation auf dem Schreibtisch, mitten auf den Seminararbeiten. Und auf der tiefsten Ebene, in den primitivsten Teilen seines Hirnstamms dann wirre Impulse, in die sich schamlose Demonstrationen männlicher Überlegenheit mischten.

    „… kann auch Befehle entgegennehmen…“

    Und Ihre Sprachfähigkeiten?

    „… auch Französisch… wenn man mich zwingt…“

    Annola schluckte und behielt die Beine überkreuzt. Hin und wieder nickte er, auch wenn er dem Gespräch nicht folgen konnte, und überlegte, ob Sigridr ihn tatsächlich öfter ansah als Perkiö, der ja immerhin die Fragen stellte.

    „Dann wären wir wohl fertig“, sagte Perkiö eine unbestimmte Zeit später und wandte sich an Annola. „Es sei denn, du hast noch eine Frage, Jukka?“

    Annola räusperte sich, um den Hals freizubekommen. 

    „Das wäre wohl alles.“

    „Gut“, erwiderte Perkiö in gleichgültigem Ton, als säße er nicht gerade einer Pornogöttin mit flammenden Haaren gegenüber, und erhob sich. 

    „Wir teilen Ihnen unsere Entscheidung bis Ende der Woche mit“, sagte er und schüttelte Sigridr Horn mit der peinlichen Beherrschtheit eines Beamten die Hand.

    „Hoffentlich sehen wir uns wieder“, sagte sie, als Annola mit dem Händeschütteln dran war.

    „Natürlich wäre es schön, Sie gleich jetzt schon zu nehmen“, sagte er (und hätte sich am liebsten die Zunge mit einem Kugelschreiber durchstochen, auch wenn die Tinte bestimmt widerlich schmeckte), „aber wir haben ziemlich viele gute Bewerbungen bekommen.“ 

    „Das verstehe ich“, seufzte Sigridr Horn, „aber behalten Sie mich im Hinterkopf.“

    Annola öffnete schon den Mund zu einer Erwiderung, schloss ihn aber, weil er sich die Zunge nicht durchlöchern wollte. Perkiö nahm Sigridrs Jacke von der Garderobe seines Büros, half ihr hinein und begleitete sie auf den Flur, als wären sie im 19. Jahrhundert und sie eine Dame aus gutem Hause. Heuchlerischer, chauvinistischer Prolet. 

    Annola blieb im Büro zurück und betrachtete die in der Luft schwebenden Staubteilchen. In seinem eigenen Zimmer musste es irgendwo einen Luftzug geben, denn dort schienen sie sich schneller zu bewegen.

    „So viel dazu“, sagte Perkiö, als er vom Korridor zurückkehrte. „Dieses Mädel passt ja wohl kaum auf den Job, oder?“

    Annola versuchte, der Frage auszuweichen und antwortete etwas von einer schwierigen Entscheidung.

    „Es ist doch sicher am besten, wenn wir einfach den qualifiziertesten Bewerber nehmen“, unterbrach Perkiö ihn und sah ihn vielsagend an. „Nicht die mit dem engsten Hemd.“

    „Natürlich“, schnaubte Annola und verließ das Zimmer.


In der Nacht hatte er einen ungewöhnlich erregenden Traum. Er lag auf dem Rücken unter einem tiefroten Himmel, vor dem sich ein bronzen glänzendes Schwert erhob. Schwer und mächtig schwankte es in der Luft. 

    Ein pubertärer Phallustraum, konstatierte er nach dem Aufwachen und schämte sich für seine Erektion. Über ihm war nur die naturfarbene Decke. Kein Schwert, nichts Rotes. 


„Sie sind mit Perkiö zusammen die Bewerbungen für die Stelle im Sekretariat durchgegangen“, stellte die Institutsleiterin Maria Leino am nächsten Morgen in der Kaffeeküche fest. Leino hatte mit 25 Jahren ihre Doktorarbeit zu Simone de Beauvoir geschrieben und mehr wissenschaftliche Artikel veröffentlicht als die gesamte Besetzung des Instituts zusammen. 

    „Ja… jou…“, antwortete Annola und verbrannte sich die Lippen an seinem Kaffee.

    „Und, für wen haben Sie sich entschieden?“

    „Das haben wir noch nicht.“

    „Warum nicht?“

    „Wir sind noch nicht dazu gekommen, miteinander zu sprechen. Perkiö ist heute nicht…“

    „Er kommt nicht zur Arbeit. Erbrechen.“

    Vor seinem inneren Auge sah Annola ein Bild von Perkiö, wie er die Kloschüssel umarmte, in den Augen die Tränen eines Logikers, weil er nicht zur Arbeit kommen konnte.

    „Also treffen Sie die Auswahl.“

    Annola begegnete Leinos Blick mit vorsichtiger Hoffnung.

    „Alleine?“

    „Ja.“

    Mit genau dieser Entschlossenheit schrieb Leino vermutlich ihre Artikel. So resolut, dass die Herausgeber ihrer Veröffentlichungen vermutlich schon beim Durchlesen des Abstracts den zwanghaften Drang zum Nicken verspürten. 

    „Okay… ich kümmere mich drum“, antwortete er und wechselte dann betont und glaubhaft unbekümmert das Thema zu einem Artikel über Julia Kristeva, der in der philosophischen Zeitschrift Niin & Näin erschienen war und die Tradition der französischen Philosophie im Analyseteil völlig vernachlässigte. Zwischen seinen Anmerkungen dachte er darüber nach, wie Sigridr Horn die Flure des Instituts entlanggleiten würde. 

    Jeden Morgen.


Sigridr Horns Präsenz war jedoch nicht ganz so beglückend, wie Annola es sich vorgestellt hatte.

    Zwar wachte er durchaus jeden Morgen ungewöhnlich lebhaft auf (mehr als eine Stunde früher als sonst), und erlebte die Fahrt zur Arbeit in heiterer Stimmung, aber dieses neue Gefühl der Energie wies zwanghafte Symptome auf, und die Unruhe hielt ihn davon ab, klar zu denken. Eine Woche, nachdem Sigridr Horn als Sekretärin angefangen hatte, begriff Annola, dass er seinen Artikel über Ökofeminismus nicht fertigstellen konnte, bevor nicht etwas Entscheidendes geschehen würde. 

    Geschehen würde?

    Was würde geschehen?

    Sich selbst gegenüber behauptete Annola, dass er nicht die geringste Ahnung hatte. Dass es hier um eine existenzielle Sehnsucht ging, die von gänzlich unbestimmter und schwer zu begreifender Art war. Wenn er jedoch (jeden Morgen!) mit Sigridr Horn an der Kopiermaschine plauderte, zauberte seine Vorstellungskraft höchst konkrete Antworten hervor.

    „Es ist wirklich toll, hier zu arbeiten“, sagte Sigridr an einem Montagmorgen und betrachtete mit liebevoller Sorgfalt das Protokoll der Versammlung, das sie eben ausgedruckt hatte. „Ich habe immer davon geträumt, an einer Universität zu arbeiten.“

    „Hier ist es auch nicht viel besser als woanders“, erwiderte Annola.      „Die gleichen Leute wie überall sonst auch, auch wenn sie ihre Gedankenspiele hier Paradigmen nennen.“

    „Was?“

    „Paradigmen.“

    „Was bedeutet das?“, fragte sie und sah ihn mit ihren kühlen Augen so ehrlich verwundert an, dass Annola sich aus irgendeinem Grund schämte. Als ob ein Krieger aus dem alten Skandinavien gefragt hätte, ob man mit einem Paradigma einem Opferlamm die Kehle durchschneiden könne. 

    „Ach, nicht so wichtig“, sagte er und gab sich gleichgültig.

    „Meine Rede“, sagte Sigridr Horn und lächelte. Sie sah sich hastig um und wirkte so, als wäre sie kurz davor, ihm sexuelle Gefälligkeiten anzubieten, wenn sie nicht auf der Arbeit wären und so etwas nicht allgemein missbilligt würde (so legte Annola es gerne aus). Dann vertiefte sie sich wieder in ihr Protokoll und wandte sich ab.

    Als Sigridr Horn mit wehenden, feuerroten Haaren den Flur entlang davonrauschte, blieb Annola am Kopierer zurück. Er zog zerstreut die Luft durch die Nase ein und dachte an das Volk der Buschmänner, dessen Männer offenbar riechen konnten, wenn eine Frau zur Paarung bereit war.

    Den restlichen Tag über saß er an seinem halbfertigen Artikel und sah Rot. Reines Rot, das er zwar ansehen, aber nicht erreichen konnte.


Am Saint Patrick‘s Day organisierte das Institut für Anglistik seine alljährliche Abendveranstaltung im Kampuscafé. Annola mochte die Feier ganz gerne, und das nicht nur, weil es eine treffliche Gelegenheit war, um zu viel irischen Whiskey zu trinken und sich dennoch als Teil der akademischen Gemeinschaft zu fühlen.

    Er war sich jedoch auch seiner Neigung bewusst, im betrunkenen Zustand die infernalischsten Dummheiten zu begehen. Deshalb verbrachte er vor solchen Feiern auch viel Zeit auf der Toilette des Instituts, wo er in den Spiegel starrte und seinem Ebenbild versicherte: Ich tue nichts Dummes. Ich sage nichts Dummes. Ganz besonders nicht…

    Aber Sigridr Horn würde vermutlich gar nicht erst auftauchen. Die Feier zum St. Patrick‘s Day hatte eine inoffizielle Gästeliste, dessen ungeschriebene Mindestanforderung ein Masterabschluss war. Außerdem hatte sie sicher einen Freund. Irgendein Physiotherapeut oder ein Feuerwehrmann, der keine Wörter wie ‘Paradigma‘ gebrauchte.

    Als Annola schließlich auf der Feier ankam, war er fest überzeugt, jede Spur jungenhaften Wunschdenkens aus seinem Geist verbannt zu haben. Und dennoch wog die Enttäuschung schwer, als das einzige Aufblitzen von Rot im ganzen Café das betrunken leuchtende Gesicht des Institutsleiters der Theologie war. 

    Ainola bestellte Whiskey, lauschte mit konzentrierter Miene der Band, die irische Musik spielte, bestellte mehr Whiskey, und ließ sich schließlich zu einer infernalischen Dummheit hinreißen. 

    Das Schlimmste war, dass sie in ihrer Art so bemitleidenswert, banal und sinnlos war, dass sie nicht einmal etwas vom herben Charme der Verwegenheit hatte. 

    Außerdem war es Perkiö, das Gespräch auf Sigridr Horn lenkte, nicht Annola selbst. Er hatte sich einfach zu ihm gesellt, ganz ohne jede in Worten oder auf telepathischem Wege ausgedrückte Einladung.

    „Du hast also einfach die ausgewählt, die am wenigsten Arbeitserfahrung hat“, sagte Perkiö mit zusammengezogenen Brauen und drehte seinen Bierkrug zwischen den Händen. 

    „Leino hat eine schnelle Entscheidung verlangt“, stotterte Annola. „Ich habe das Gesamtbild beurteilt.“

    „Klar… Das Gesamtbild. Naja, das Mädchen kocht zumindest starken Kaffee, aber die Kommafehler im Protokoll von gestern haben mir fast die Tränen in die Augen getrieben.“

    Annola hätte sagen wollen, dass diese Kommaregeln aus dem Lateinischen stammten und in eine finno-ugrische Sprache nicht einmal besonders gut passten. Stattdessen spuckte er seine infernalische Dummheit aus. Sie kam wie von selbst, wie es im betrunkenen Zustand ausgesprochene Sätze nun einmal tun.

    „Wäre es nicht toll, sie zu ficken?“

    Eigentlich machte ihm erst Perkiös verwirrtes Lächeln klar, dass er das laut gesagt hatte. Blitzte in seinen Augen etwa auch beginnender Triumph auf? Die Erkenntnis, wie einfach er diesen kleinen Fehler gegen Annola verwenden könnte.

    „Bitte, was?“, sagte Perkiö.

    „Gar nichts“, erwiderte Annola und bemerkte, dass er überhaupt nicht mehr lallte. „Willst du einen doppelten Whiskey? Auf meine Rechnung. Bushmills?“

    „Nein, danke. Ich bin mit dem Auto da.“

    „Bist du nicht“, sagte Annola verzweifelt. „Das da ist mindestens dein zweites Bier.“

    „Ist es auch“, antwortete Perkiö, „aber ein alkoholfreies.“

    Natürlich. Alle Sinne klar wie Kristall. Wie eine flinke Manguste. 

    Annola wusste nicht, wie er die Situation retten sollte, also trank er den Rest seines Whiskeys in einem Schluck und stürzte an die Bar. Er spürte Perkiös Blick im Rücken, als die Bedienung ihm ein weiteres Mal einschenkte. Das Glas leerte sich schnell, aber der Rausch war in unerreichbare Ferne gerückt. Annola nahm seine Umgebung viel zu deutlich wahr. Er fühlte sich, als säße er in einem unsichtbaren Gefängnis. Wie viel einfacher wäre es doch, wenn sie alle Schwerter bekämen und das ganze aufgestaute Gewirr in einem einzigen, ehrlichen Kampf entscheiden könnten. Annola stellte sich vor, wie das Blut bis an die Decke und auf den Spiegel hinter der Bar spritzte. Keine Gnade. Diese Lämmer würden keinen Widerstand leisten. Er würde sie alle abschlachten.

    „Ich werde eine Neubewertung der Wahl zur Sekretärin vorschlagen“, sagte eine Stimme hinter ihm. Perkiös hämischer Tenor. „Die Entscheidung wurde ohne meine Zustimmung und auf zweifelhafter Grundlage getroffen. Besonders, wenn man deine Vergangenheit in diesen Dingen bedenkt.“

    Annola hielt es nicht für sinnvoll zu antworten.

    Als Perkiö verschwunden war, trank er nur noch Wasser und weigerte sich, über etwas anderes als Kontinentalphilosophie zu sprechen.


Der nächste Morgen ließ Annola wieder einmal eine Seelenverwandtschaft mit zum Tode verurteilten Gefangenen spüren. Auf genau diese Art betrachteten sie sicher die Bäume, den Himmel und die Vögel, während sie darüber nachdachten, dass die Welt theoretisch voller Freiheit und Möglichkeiten war, aber eben nur theoretisch.

Das Gesetz, das die Finger des Erschießungskommandos an den Abzügen zucken ließ, war immateriell, aber unausweichlich.

    Weil am Nachmittag keine Lehrveranstaltungen stattfanden, kam er erst nach Vier zur Arbeit, als er wusste, dass Perkiö und Leino schon nach Hause gegangen waren. Der Institutsflur war gnädigerweise leer, als er in sein Büro ging und den Computer anschaltete.

   Die erste Nachricht war von Leino. Eine Einladung zu einem Gespräch mit ihr und Perkiö gleich am nächsten Morgen. Eilig und absolut wichtig.

    „Oh Scheiße, Scheiße, Scheiße…“, murmelte Annola und rieb sich die Augen.

    Es war natürlich kindlich naiv, sich vorzustellen, dass dieser kahl werdende Ledersack voller bösem Willen seine Absichten geändert hätte. 

    Annola spürte, dass sich die Bürotür öffnete. Er hatte gelernt, den Luftzug zu fühlen, den die Bewegung auslöste. Die Studierenden heutzutage klopften nicht mehr. Er nahm die Finger von den Augen und sah zur Tür.

    Dort stand genau der Mensch, den Annola am wenigsten zu sehen erwartet hatte.

    „Endlich“, zischte Sigridr Horn und kam näher. „Wir müssen und beeilen.“

    Die Situation hatte etwas alarmierend Unwirkliches. Annola dachte an die Mengen an Whiskey, die er am vergangenen Abend getrunken hatte. Spielte ihm sein Gehirn einen Streich?

    „Wir müssen reden“, sagte Sigridr.

    Aber so etwas passierte doch nur in seinen Vorstellungen. Ihr Gesicht war viel zu perfekt, fehlerlos, die Farbe der Haare und Augen zu kräftig.

    „Aber Sie…“, begann Annola, doch ihre Hand legte sich auf seinen Mund. Nicht symbolisch, nur mit den Fingerspitzen, sondern so, wie Kommandotrupps einen feindlichen Wachhabenden zum Schweigen brachten.

    „Dúr ingu virkligheis er“, sagte Sigridr Horn und hielt Annola fest. „Ingu virkligheis.

    Annola begriff langsam, dass das hier offenbar echt war. Sigridr Horn, mit ihren flammend roten Haaren und ihren beeindruckenden Brüsten, drückte ihm die Hand auf den Mund und redete pseudogermanischen Unsinn. 

    „Weck, Barthak…

    Perkiö hat das eingefädelt, dachte Annola. Er sah noch kein Motiv oder den Endzweck des Komplotts, aber hier handelte es sich um irgendeinen teuflischen Plan, der ihn aus seinem Amt werfen würde. Perkiö stand wahrscheinlich draußen vor der Tür und nahm den Zwischenfall auf Band auf, lächelnd und mit vor Bosheit schwitzender Glatze.

    Und wenn dem so war?

    Die Gleichgültigkeit ließ alles mit einem Mal berauschend einfach erscheinen. Sie wischte alle Furcht vor den möglichen Folgen hinweg. Sie wurde zu Wut. Dann zu einer Erektion.

    Annola ergriff Sigridr Horn beim Handgelenk und zog ihre Hand von seinem Gesicht. Er schnappte mit den Lippen nach ihrem Daumen und saugte daran, bis er sich wie ein Idiot vorkam. Dann stand er auf und nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände. Sigridr Horns Wangen hatten sich gerötet. Die Augen verengten sich wie bei einer läufigen Katze. 

   Annola stürzte sie auf seinen Schreibtisch und versuchte, ihr die Hose auszuziehen, ohne den Gürtel zu öffnen. Es gelang ihm nicht, und einen Moment lang rangen sie beide mit der Gürtelschnalle, als wollten sie das Opfer eines Autounfalls vom Sicherheitsgurt befreien. Als die Hose bis zu den Knöcheln heruntergerutscht war, fingerte Sigridr Horn Annolas Schwanz hervor. Dann vögelten sie so heftig, dass Annolas Telefon klappernd von seinem Platz rutschte. Das Tuten, das aus dem Hörer drang, klang so, als wollte das Gerät sich an ihrer Ekstase beteiligen. 

Sigridr Horn gab für eine Sekretärin völlig ungehörige Laute von sich und ließ Annola selbst im kritischen Moment nicht los.

    Als er die Augen öffnete und die ersten Gedanken an die Folgen ihrer Tat bereits die Glieder streckten, erschreckte ihn ein stechender Schmerz an seiner Kehle, direkt unter seinem Adamsapfel. 

    „Weck“, sagte Sigridr Horn atemlos und sah ihm direkt in die Augen. 

    Annola blickte nach unten und sah, dass sie einen schmalen, stahlglänzenden Dolch an seine Kehle hielt. Die Spitze verschwand unter seinem Kinn und hielt den Adamsapfel an seinem Platz. Eine ihrer Brüste war nackt.

    Was zum Teufel passiert hier?, dachte Annola. Er betrachtete die geschnörkelten Muster auf der Klinge des Dolches und begriff, dass es hier um etwas viel Seltsameres als ein Dienstvergehen ging.

    „Was geht hier vor?“, fragte er und spürte, wie ein Blutstropfen seinen Hals entlangrann. Das schien nicht so wichtig zu sein. Besonders, als ihm klar wurde, dass er gerade pseudogermanischen Unsinn geredet hatte.

    „Wach auf, du Dummkopf“, sagte Sigridr Horn.

    „Was geht hier vor?“, wiederholte Annola. „Warum reden wir so?“

    „Wach auf, Barthak.“

    „Ich bin Jukka Annola, Professor am…“

    „Du bist Barthak.“

    „… Institut für Philosophie. Ich habe zahlreiche…“

    „Der Henker von Lavonia, Schänder der Jungfrauen.“

    „… Artikel über Frauenforschung und Ökofeminis…“

    „Zerbrich den Bann.“ 

    „…mus und postkolonalistische…“

    „Wir haben noch was zu erledigen.“

    Annola hielt seine Schnauze. Er bemerkte, wie sich das Licht veränderte. Die Staubteilchen hatten mitten in der Luft innegehalten. Was war noch wahr? Woran konnte er glauben, wenn der Staub in der Luft hängen blieb? 

    Die Papiere, die auf dem Schreibtisch herumlagen, begannen auf dieselbe Art zu glühend wie Sigridr Horns Augen und Haare. Genauso lebendig, genauso kräftig, genauso unwiderstehlich.

    Was ist wahr?, dachte Annola und verspürte ein schwindelerregendes Gefühl des Fallens.

   Er sah Rot. Jetzt war es ihm ganz nah. Nicht nur so nahe, dass er es erreichen konnte. 

    Es griff ihn an. 


Als Barthak, der Henker von Lavonia und Schänder der Jungfrauen, aus dem magischen Bann des Zauberers Berkoe erwachte, war er nahe daran, seinen Kopf zu verlieren. Das Schwert hatte sich schon gegen den immerroten Himmel Lavonias erhoben. Schwankend, mächtig, bronzen glänzend. 

    Es bekam jedoch nur Stein zu schmecken, denn im letzten Monent warf sich Barthak zur Seite und spaltete dem fledermausgesichtigen Urgul den Bauch, sodass das Wesen in zwei Teilen hintenüberkippte und das Blut emporspritzte wie aus einer unterirdischen Quelle. 

    Barthak erhob sich wieder und betrachtete sein Schwert. Es war schwer und real, bereit, seine Arbeit zu tun. Sein Arm war dick wie ein Baumstamm und voller Narben, die von alten Abenteuern kündeten. 

 Er sah sich um und erblickte schwankende Schatten zwischen eingestürzten Säulen und zerbrechenden Statuen, die blaugrauen Umrisse der Urguls. Und er sah Sigridr Horn. Ihr kräftiger Körper drehte sich inmitten der Urguls wie ein Kreisel mit zwei Klingen. Die eine Brust entblößt, der sinnliche Mund zu einem mordlüsternen Grinsen verzogen. 

    „Ich könnte deine Hilfe gebrauchen, du dösender Hund“, rief sie und fällte mit einem Schlag drei Urgulköpfe. Ihre Haare und ihr Gesicht waren nass vom umherspritzenden Blut, aber ihre Augen waren klar wie Stahl. „Oder willst du weiter fantasieren?“

    „Bestimmt nicht“, rief Barthak aus und schwenkte sein Schwert.       „Habe mich nur ins falsche…“

    Paradigma verirrt?

    Er runzelte die Stirn und sah die Staubteilchen in der Luft. Sie schwebten zwischen ihm und der Frau.

    „Was?“, fragte Sigridr Horn wütend und zog das zweite Schwert über die Kehle eines geblendeten Urguls.

 Barthak rollte den Kopf hin und her und lachte. 

    „Nicht so wichtig. Wir müssen Berkoe finden. Dieses Schwein wird mit seinem Blut bezahlen.“

    „Meine Rede“, sagte Sigridr Horn und tötete das röchelnde Viech am Boden mit der Ferse. „Wenn der letzte Urgul sein Blut vergossen hat, ist er schutzlos. Morgen schon wirst du seine Töchter schänden.“

    „Ganz genau“, erwiderte Barthak und betrachtete seine Schwerthand.

    Der Gedanke war verlockend, aber irgendetwas störte ihn dabei. Irgendwo in den Tiefen seines Geistes keimten Fragen, an die nur Witwen von Feiglingen und vor Schatten erschreckende Priester dachten. Warum Schmerz zufügen? Was ist das Sein? Bin ich immer im Recht?

    Dann riss ihn der Schlachtruf der Urguls aus seinen Gedanken. Wenn das hier ein Traum war, dann war er hitzig und gefährlich. Er erlaubte es ihm, seinen Instinkten zu folgen. Barthak ließ das schwere Schwert in einer Hand kreisen, als sei es ein schmaler Federkiel, und wandte sich den Urguls zu.

    „Macht euch auf den Tod gefasst, ihr Schafe“, rief er und lachte über ihre schielenden Fledermausgesichter. 

    Als die Urguls angriffen, ertranken auch die letzten Zweifel in Blut und stählerner Verzückung. Barthak, der Henker von Lavonia und Schänder der Jungfrauen, schlachtete ohne Gnade und dachte an Berkoes winselnde Töchter. 

2018

Das hässliche Baby (Liisa Näsi)

Created with Sketch.

    Papa müsste bald nach Hause kommen, zusammen mit Mama und dem neuen Baby. Maaret öffnet das Fenster ein Stück weit und atmet den süßen Duft des Pflaumenbaums ein. Mama ist vor zwei Tagen in die Klinik gefahren, um das Baby zu bekommen, am selben Morgen, als sich die Knospen am Baum öffneten. Am Stamm hingen nach der Nacht zahllose Falter, die zitternd mit den Flügeln schlugen. Mama freute sich über das gute Omen. Sie brach einen kleinen Zweig ab, setzte sich ins Auto und schnupperte mit geschlossenen Augen an den Blüten. Maaret wollte Mamas Bauch tätscheln, um ihr Glück zu wünschen, tat es aber nicht. Als das Baby wuchs, hatte es öfters einen Fuß oder eine Hand zwischen Mamas Rippen gedrückt und ihr damit wehgetan. Mama hatte sich zur Seite geneigt, geächzt und mit dem Oberkörper geruckt, damit das Baby im Bauch auf die andere Seite fiele. Trotzdem schmerzte Mamas Bauch ständig und sie hatte Maaret nicht einmal in ihrer Nähe gewollt. Papa hatte sie immer wieder umarmt und gesagt, dass schon alles gut werde, wenn das Baby einmal geboren sei. 

    Maaret weiß, dass nichts wieder so wird, wie es vorher war. Mama erträgt ihre Berührung nicht. Früher, vor Mamas Schwangerschaft, war Maaret immer in die Küche getrottet und hatte sich an Mamas Rücken gelehnt, während sie am Herd beschäftigt war. Sie ist nur etwa vier Zentimeter kleiner als Mama, was einzig und allein daher kommt, dass Mama hochhackige Schuhe trägt, draußen und drinnen. Auch Maaret werde etwas kurz geraten, wie der Arzt die Sache ausdrückte. Eines Morgens, als sie sich wieder an Mama schmiegte, sagte diese „Nicht!“ und entzog sich ihr. Am selben Tag erfuhr Maaret, dass sie eine Schwester oder einen Bruder bekommt. 

    Der Toyota taucht am Tor auf, Papa parkt auf dem Hof. Mama klettert mit einiger Mühe von der Rückbank, dreht sich um und beugt sich vor, um ein Bündel aus dem Kindersitz zu heben. Mit dem Bündel auf dem Arm geht sie die Zufahrt entlang auf die Haustür zu. Der Sand knirscht unter ihren hohen Absätzen. Der Saum ihres Rocks schwingt hin und her und lässt Staub und Grashalme auffliegen, die hinter ihren Fersen durch die Luft wirbeln. Als Mama die erste Stufe betritt, löst sich die gräuliche Luftspirale von ihren Füßen, steuert an der Treppe vorbei, lässt die Blätter des Hortensienbusches rascheln und verschwindet. 

    Papa steigt aus dem Auto, bemerkt Maaret am Fenster und lächelt breit.

    „Deine kleine Schwester ist nach Hause gekommen“, ruft er aus und taucht ab in die Tiefen des Autos, um die Taschen zu holen. 

    Mama war vor zwei Jahren schon einmal schwanger, aber das Baby starb im Bauch. Mama magerte ab und wurde zu einer farblosen Kopie ihrer selbst. Maaret hörte, wie sie schluchzend zu Papa sagte, dass sie es noch einmal versuchen werde und danach nie wieder. Dass sie dazu verdammt sei, nur lebensunfähige Wesen hervorzubringen, Missgestalten. 

    Zum Glück haben wir Maaret, hatte Papa gesagt. 

    Aber sie ist doch nach mir gekommen, hatte Mama geklagt. Ein Ebenbildskind. 


Im Schlafzimmer deckt Mama das Baby im Gitterbettchen zu. Sie dreht das Mobile am Kopfende so, dass es über seinem Gesicht hängt. Die hölzernen Tierfiguren – ein Bär, eine Giraffe, ein Löwe, ein Schweinchen, ein Delfin, ein Elefant und ein Hase, alle gleich groß und in einem glanzlosen Holzton – stoßen klappernd gegeneinander. Maaret reckt sich und späht über den Rand des Bettchens. Mama hält sie an den Schultern fest, damit sie nicht zu nahe herankommt.

    Das Baby schaut sie neugierig an. Es hat ein schmales Gesicht und einen feingliedrigen Körper. Auch sonst ist es ganz der Vater: tiefblaue Augen, lange, dunkle Wimpern, spitz zulaufende Ohrmuschelchen. Den Scheitel bedeckt ein heller Flaum, die Augenbrauen heben sich kaum vom Gesicht ab, der Mund bildet eine rote Knospe.

    Hin und wieder klettert Maaret im Badezimmer auf einen Hocker und betrachtet sich selbst im Spiegel. Papa lobt ihren robusten Wuchs und verspricht ihr, dass sie es noch weit bringen werde. Es ist wohl als Trost gemeint, auch wenn Papa so tut, als gäbe es nichts, wofür er sie trösten müsste. Manchmal zeigt er ihr Bilder aus einem dicken Völkerkundebuch, das von Nissen und Gnomen wimmelt, und sagt anerkennend, dass Maaret von mächtiger Abstammung sei, eine richtige Urfinnin. Wie deine Mutter, sagt er stolz. Papa hatte die Angewohnheit, sie beide seine Trollmädchen zu nennen, bis Mama einmal plötzlich „Nicht!“ schrie und in Tränen ausbrach. Jetzt ist nur noch Maaret Papas Trollmädchen. 

    Mama tut alles, um ihre Trollhaftigkeit loszuwerden. Zupft ihre zusammenwachsenden Augenbrauen, bis sie dünn wie Zwirn sind. Ließ einen Chirurgen ihre abstehenden Ohren zähmen, bis sie am Kopf anlagen, und dann Gewebe aus ihnen entfernen, um sie dünner zu machen. Ließ ihre Nase verkleinern, die aber immer wieder erneut verknorpeln will und korrigiert werden muss. Ließ ihre wenigen Zähne ziehen und ersetzte sie durch ein Gebiss aus Porzellan.

    Maaret erinnert sich dunkel daran, wie Papa Mama zu überreden versuchte, nicht zu einer Operation zu gehen, bei der ein Einschnitt am Haaransatz gemacht und die Haut so angehoben werden sollte, dass die angeborenen Stirnfalten verschwinden und die Augenbrauen weiter oben sitzen. Jedes Mal, wenn du dich zerschneidest, verliere ich einen Teil von dir, hatte Papa gesagt. Mama hatte nicht auf ihn gehört. Nach der Operation schmerzte ihr Gesicht lange und Blutergüsse befleckten die Haut. Ein Gesichtsnerv war beschädigt worden, weshalb aus Mamas Augen ununterbrochen Wasser läuft, wenn sie isst. Krokodilstränen, schnaubt Papa. 

    Das Waschetikett am Hemd des Babys baumelt unter seinem Kinn. Die Nähte des Strampelanzugs spannen sich nach außen und lassen die Fußspitzen wie winzige Schwimmhäute aussehen. 

    „Froschfüße“, sagt Maaret zärtlich.

    Mama wird blass.

    „Sind sie nicht! Das ist nicht irgendein Geist aus der Unterwelt, sondern ein richtiger Mensch.“

    „Das meine ich nicht. Seine Kleider sind verkehrt herum.“ 

    Maaret schlüpft mit der Hand durch die Gitter und betastet das Etikett.

    „Lass nur“, sagt Mama und zieht an ihren Schultern. „Das muss so sein. Zur Sicherheit.“

    Maaret streichelt dem Baby mit dem Handrücken über die Wange. Reine Seide. Das Baby dreht den Kopf, gurrt wie ein Birkhuhn und tastet mit den Lippen nach ihrem Finger. Mama reißt Maarets Hand weg. Ihr Handgelenk knallt gegen einen Gitterstab und Maaret heult auf. Ein pochender Schmerz breitet sich bis in ihren Arm aus. 

    Ein Muskel in Maarets Wange beginnt in raschem Takt zu zucken. Der Tic taucht immer häufiger auf. In einer medizinischen Kolumne hat sie gelesen, dass Stress die Muskeln zum Zucken bringt. Dem Völkerkundebuch zufolge kommt das Zittern daher, dass die Lebenskraft, die Seele, den Körper verlassen will. Sie presst die Handfläche gegen die Wange, um das Hüpfen zu unterdrücken. Das Mäuschen unter der Haut stupst gegen ihre Hand und hört nicht auf.

    Das Baby beginnt zu murren.

    Es riecht süßlich und sauer. 

    Nach Windelcreme und Pipi.

    Nach aufgestoßener Milch und Kacke.

    „Ein hässliches Baby“, sagt Maaret und reibt sich die Wange.

    Mama zuckt zusammen, hebt die Hand, als wollte sie zuschlagen, aber lässt sie dann doch wieder sinken. Sie scheucht Maaret fort. Das Baby soll in Ruhe schlafen können. 

    Drei Wochen später sieht Maaret den seltsamen Nissen zum ersten Mal. Sie malt gerade im Wohnzimmer ein Bild, als ihr Blick zum Garten hinüberwandert. Etwas bewegt sich unter dem Johannisbeerbusch. Es ist, als ob im Dunkel unter den Blättern ein kleines Ding säße, unscheinbar wie ein Schatten. 

    Maaret kneift die Augen zusammen, ihr Blick schärft sich. 

    Das Wesen ist bräunlich von Kopf bis Fuß, nur der weiße Bart, der ihm bis auf die Brust reicht, hebt sich davon ab. Auf seiner Haut kreuzen sich Furchen wie in getrocknetem Ton, als hätte es sich seit Ewigkeiten nicht gewaschen. Um den kurzen und stämmigen Körper sind Stofflappen zu einer Jacke gewickelt, die ein Gürtel aus Schnur zusammenhält. Eine schlaffe Mütze hängt über der Schläfe. Die Backenknochen liegen hoch, der Mund ist breit, die Nase winzig. Die wild abstehenden Brauen, die bis über die Augen reichen, geben seinem Gesicht einen unfreundlichen Ausdruck. 

    Maaret schließt die Augen. Als sie sie wieder öffnet, ist das Wesen verschwunden. Herabgefallene Blätter, einzelne Grashalme und Erdbröckchen tanzen durch die Luft auf den hinteren Teil des Gartens zu wie von einer schwachen Trombe getrieben.

    Kurz nachdem der seltsame Nisse zum ersten Mal aufgetaucht ist, kommen die Mäuse ins Haus. Maaret wacht am Morgen von einem beständigen Knallen und Mamas Kreischen auf, das von Papas tiefer, beruhigender Stimme begleitet wird. In der Küche hackt Mama wie rasend mit dem Mopp auf die Lücke zwischen Kühlschrank und Spüle ein. Papa schlingt die Arme um ihre Taille und zieht sie nach hinten. 

    Eine Waldmaus mit braunem Rücken und weißem Bauch huscht auf der anderen Seite unter dem Kühlschrank hervor, richtet sich auf die Hinterbeine auf und betrachtet Maaret mit zitternden Tasthaaren. Ganz so, als hätte sie ihr etwas zu sagen. Die Maus späht zur Seite und flitzt am Schranksockel entlang zur Hintertür. 

    Maaret drückt sie auf und lässt die Maus nach draußen.

    „Sie ist schon weg.“

    Mama hört auf, den Mopp zu schwingen und wirbelt auf dem Absatz herum. Dünne Adern überziehen ihre Wangen wie ein Netz, Haarsträhnen hängen aus ihrem Zopf heraus. Sie atmet keuchend. 

    „Du hast sie rausgelassen? Die hätte man totschlagen sollen.“

    Papa schlingt den Arm um Mamas Schultern. 

    „Nicht doch. Ich kaufe ein paar Lebendfallen und lasse sie im Wald frei.“

    „Nein“, sagt Mama und wendet den Blick nicht von Maaret ab. „Du holst richtige Fallen oder Gift. Ich will keine kleinen Biester in meinem Haus. Die bedeuten Unglück.“

    In den darauffolgenden Tagen huschen im Haus viele Mäuse in den Ecken herum: braune Gelbhalsmäuse mit großen Ohren, gelbbraune Brandmäuse und manchmal sogar winzige Waldbirkenmäuse. Papa kauft ein Dutzend Lebendfallen. Zusammen mit Maaret stapelt er die Fallen mit den gefangenen Mäusen darin im Kofferraum und fährt in den nahen Wald. Mama wacht darüber, wie Papa Bretter hackt, um die Spalten in der Außenwand zu schließen. Sie ruft beim Tierheim an und fragt nach einer Katze, aber holt sich dann doch keine. Damit sie sich nicht auf das Baby legt, sagt sie. 

    Maaret spricht mit Mama nicht über die Mäuse. Stattdessen blättert sie im Völkerkundebuch, dem zufolge der Nisse seine Gestalt verändern kann. Er kann ein Grasbüschel sein oder ein kleines Tier, etwa eine Maus. Mama sollte froh sein, dass der Nisse nicht als Schlange erscheint, denkt Maaret.


Das Baby nuckelt an der Brust. Eine Rinnsal Milch läuft ihm aus dem Mundwinkel. Mama faltet ein Spucktuch und legt es an seine Wange. 

    „Gehst du mal?“, sagt sie zu Maaret und hebt die Filzdecke höher, sodass sie das Baby verbirgt. „Das ist so schon schwierig genug.“ 

    Maaret zuckt mit den Schultern und schlurft ans Wohnzimmerfenster. 

    Als sich Mamas Brüste mit Milch füllten, floss die nicht heraus, sondern blieb, wo sie war. Ihre Brüste schwollen zu harten Felsvorsprüngen unter ihrem Kinn an. Um die Milch zum Fließen zu bekommen, wärmte Mama ihre Brüste mit Körnerkissen, wickelte sie in Weißkohlblätter, saß stundenlang in der heißen Sauna, trank ein bisschen Bier, quetschte und rieb ihre Brüste so oft und grob, dass die Haut blaue Flecken bekam. Nichts half. Das Baby brüllte vor Hunger, Wut und Kummer. Mama schluckte Tabletten gegen den Schmerz und sorgte sich wegen des Einflusses der Medikamente auf ihre Milch. Schließlich erbarmte sich ihre Ärztin, gab ihr eine Spritze und die Milch begann zu fließen. Mama ist trotzdem nach wie vor besorgt. Offenbar kommt zu wenig Milch. Das Baby saugt beide Brüste leer und verlangt nach mehr. Papa gibt ihm gerne die Flasche, sagt es aber nicht laut. 

    Während des Stillens muss Maaret auf Abstand bleiben. Es kommt mir vor, als würde die Milch ausbleiben, wenn sie neben mir steht, hat sie Mama zu Papa sagen hören. Red keinen Unsinn, hat Papa erwidert, aber Mama zischte, dass es doch Schamanen gebe, die mit Worten Blut stillen könnten, warum sollte es mit der Milch nicht genauso sein? 

    Im Garten rascheln die unteren Blätter der Beerensträucher und durch das Gras geht ein unsichtbarer Hauch. Die Bewegung stoppt am Stumpf des Apfelbaums. Maaret öffnet die Augen so weit wie möglich. Der Nisse steht regungslos auf dem Baumstumpf und beäugt das Haus. 

    Maaret hört ein Schmatzen hinter ihrem Rücken. Das Baby hat seinen Mund von Mamas Brust gelöst. Es beginnt zu schreien.

    Das Wesen im Garten öffnet die Lippen im selben Takt. Sein Mund tut sich auf wie ein schwarzer Abgrund. 

    Maaret hechtet in den Flur, springt über die Mausefallen. Sie zwängt ihre Füße in die Gummistiefel und stürmt nach draußen. Als sie die Tür beim Öffnen gegen die Wand knallt, schreckt der Nisse auf, wirbelt herum – und ist nicht mehr zu sehen. Aus dem Augenwinkel erhascht Maaret das Schwanken eines Grasbüschels, das sich bis in den hinteren Teil des Gartens fortsetzt. Dann verschwindet auch das. Sie geht hinüber zum Baumstumpf. Dort ist ein gelber Schleimklumpen aufgetaucht, der einen feuchten, strengen Geruch verströmt.

    Am Abend führt Maaret Papa zu dem Baumstumpf und zeigt auf den Schleimfleck. Das ist Hexenbutter, ein Pilz, erklärt Papa. Die wachsen auf morschen Stümpfen. 

    Maaret sucht im Völkerkundebuch nach der Hexenbutter: Die Begleiter von Hexen, ihre Helfergeister, saugen Milch aus den Eutern der Kühe und spucken sie verdorben wieder aus. Wenn die Milch der Tiere versiegte, konnte das den Tod ankündigen. 

    Der seltsame Nisse holt sich die Milch bestimmt, wo immer er sie kriegen kann, vermutet Maaret.

    Mama posiert auf dem Sofa, lächelt, umarmt das Baby und hält in der anderen Hand das Handy am Ende eines Stabs. Der Kameraverschluss klickt.

    „Mach von mir auch ein Bild“, sagt Maaret.

    „Nein, nein. Das ist nur von mir und dem Baby.“

    „Lädst du das auf Facebook hoch? Sind da Bilder von mir?“

    Mamas Stirn legt sich in Falten und ihre Augenbrauen sehen beinahe aus wie früher.

    „Ich habe den Account noch nicht lange.“ 

    In ihrem Zimmer meldet sich Maaret bei Facebook an und tippt unter „Freunde finden“ Mamas Namen ein. Mamas lachendes Gesicht erscheint auf dem Bildschirm. Auf dem Titelbild blüht der Pflaumenbaum. Die neuesten Posts drehen sich um das Baby. Das Baby im Schlaf, das Baby spielt mit dem Mobile, das Baby in verschiedenen Kleidern, das Baby und Mama Wange an Wange. Maaret scrollt weiter nach unten. Mama lädt seit drei Jahren Bilder hoch. Vor der Geburt des Babys hat sie über Wohnungsdekorationen, Gartenarbeit, Bücher und Filme gepostet. 

    Ein Post von vor zwei Jahren zeigt einen braun gesprenkelten Schmetterling auf schwarzem Grund und den Text „Ein kleiner Nachtfalter fliegt in der Dunkelheit“. Darunter stehen ein Datum und ein Kreuz. Dem Schmetterlingspost folgte eine lange Stille, unterbrochen nur von vereinzelten Beileidsbekundungen. 

    Maaret wird auf der Seite weder in den Texten erwähnt noch gibt es Bilder von ihr. 


Ein hohles Klimpern weckt Maaret früh am Morgen. Das Geräusch klingt nach dem Mobile, das über dem Gitterbettchen hängt. Sie schleicht ins Schlafzimmer ihrer Eltern. Papa und Mama schlafen, das Baby liegt in seinem Bettchen. Seine Lider wölben sich hervor, wenn sich die Augen darunter im Traum bewegen. Die Holztiere baumeln leblos über seinem Kopf. 

    Im Garten fließen kleine Nebelbäche kreuz und quer über den Rasen, weichen den Beerensträuchern aus, kürzen durch die Blumenbeete ab. Einer von ihnen sucht sich einen Weg zum Pflaumenbaum, windet sich unten um den Stamm und formt dort einen weichen Teppich. Die aufgehende Sonne blitzt zwischen den Wolken auf, verspricht Tageslicht und blendet Maaret mit der Reflexion von etwas Langem, Glänzendem. Von den unteren Ästen des Baums baumeln Angelschnüre senkrecht herab wie zarte Stahlseile. An ihren Enden hängen längliche Formen. 

    Der Morgentau benässt ihre Beine bis zu den Knöcheln, als Maaret durch den Rasen hinüber zum Pflaumenbaum watet. Von den untersten Ästen gleiten Schnecken auf einer Schleimspur zu Boden. Die Sonne schiebt sich mühsam hinter der Wolkenmauer hervor und wärmt die Baumkrone. Die Weichtiere haben es eilig, dem Vertrocknungstod in den Schutz von Pflanzen und Waldstreu zu entfliehen. 

    Rund um den alten Baumstumpf wimmelt die Erde von kleinen Tieren. Maaret tritt näher heran. Hunderte Käfer mit glänzendem Panzer kriechen und krabbeln in einer wirren Masse, die den Stumpf gegen den Uhrzeigersinn umkreist. Sie zappeln über Maarets Füße hinweg und kitzeln sie mit ihren Gliedmaßen, die sich wie winzige Splitter anfühlen. 

    Auf dem Stumpf sind noch mehr Hexenbutterpilze aufgetaucht – und eine weißbäuchige Maus. Sie setzt sich für einen Moment auf die Hinterbeine, die Vorderpfoten artig vor der Brust gefaltet, sieht Maaret prüfend an und legt den Kopf schief. Dann betrachtet sie kurz die von den Schnecken abgesonderten, metallisch glänzenden Schnüre und richtet den Blick wieder auf Maaret. Maaret nickt, geht ins Haus, sammelt alles Nötige in einer Einkaufstasche zusammen und schließt sich in ihrem Zimmer ein.

    Am Nachmittag ist sie fertig. 

    Papa ist auf der Arbeit, das Baby schläft in seinem Bettchen, Mama liest eine Zeitung, die sie auf dem Esstisch ausgebreitet hat, und löffelt mit feuchten Wangen fettarmen Joghurt. 

    Maaret nimmt die Holztiere am Mobile über dem Gitterbettchen einzeln in die Hand, damit sie nicht klappern. Sie zieht das Spielzeug vom Haken und hängt stattdessen ihr selbst gemachtes daran. Wie das Holzmobile ist es nicht farbig, hat aber umso mehr Glanz, Formen und Größen. Dem Völkerkundebuch zufolge ist es am wichtigsten, dem Hausgeist etwas Metallenes zu opfern. Etwas anderes kann das Wohlergehen der Bewohner nicht garantieren. 

    Maaret streicht zufrieden über das neue Mobile. Eisen, Stahl, Aluminium, Messing. 

    Im Buch stand auch, dass die Seele des Menschen im Schlaf außerhalb seines Körpers herumwandert. Ohne einen Körper kann sie sich in einen bösen Geist verwandeln, der danach strebt, wiedergeboren zu werden. Außerdem ist da noch das fehlgeborene Baby, der Nachtfalter, im Dunkel geboren und im Dunkel gestorben, der ins Licht fliegen will. 

    Das passt Maaret gar nicht. Sie will die Zeit zurück, in der sie alle glücklich waren, auch Mama. Sie rüttelt das Baby an der Schulter. Seine Augen klappen auf und Maaret sieht sich selbst in ihnen wie auf der spiegelglatten Oberfläche eines Sees.

    Ein schwarzbrauner Troll im Gesicht einer zarten Elfe. 

    Das Baby beginnt zu schreien und mit den kleinen Fäusten zu fuchteln. Das Mobile aus Brotmesser, Filetiermesser, Fleischmesser, Hammer, Meißel und Kerzenständer nimmt Fahrt auf. Sie klimpern um die Wette, wenn sie gegeneinanderstoßen. Die Schleife aus Nähgarn, die am Griff des größten Messers sitzt, rutscht auf die andere Seite und das Messer neigt sich. 

    Maaret hört schnelle Schritte. Mama stößt sie beiseite. Maaret stolpert, stürzt bäuchlings zu Boden. Mama beugt sich über das Baby in eben dem Moment, als das Garn reißt. Das viereckige Fleischmesser plumpst mit der flachen Seite auf ihren Rücken, prallt von dort ab und fällt ans Fußende des Bettchens. Mama reißt das kreischende Baby an sich und richtet sich auf. Ihre Brust hebt und senkt sich im Takt ihrer keuchenden Atemzüge. Die Haare kräuseln sich zornig auf ihren Schultern. In den dunklen Gewitterwolken ihrer Augen kreisen Blitze. Die zu Strichen gespannten Lippen entblößen kleine, weiße Zähne. 

    Mama starrt Maaret unentwegt an, als fürchte sie, sie könnte verschwinden, wenn sie blinzelt. Sie schiebt das Baby auf die andere Seite und tastet mit der freien Hand in den Falten der Babydecke blindlings nach dem Fleischmesser. 

    Maaret denkt noch, dass Mama jetzt trotz all der Schönheitsoperationen hässlich aussieht.

Übersetzt aus dem Finnischen

2017

Die Zehenjungfrau (Briitta Hepo-oja)

Created with Sketch.

Ich war fünfundzwanzig und alle meine Zehen waren noch da. Ebenso die Finger und die Ohrmuscheln. Es war eigentlich dasselbe, wie Jungfrau zu sein.
Von meinem Knochenmark und den anderen inneren Organen ganz zu schweigen. Man sah mir sofort an, dass sie noch da waren. Niemand begann mit dem Lungenflügel oder einem Stück Leber, sofern er nicht selbstzerstörerisch war.
    Wenn ich jemand Neues traf, versuchte ich, den Mund geschlossen zu halten, damit die Vorstellung fehlender Zähne die Situation irgendwie rettete. Denn auch die Zähne hatte ich, alle zweiunddreißig.
Ich hatte weder mit meiner Lebenszeit Handel getrieben noch meine Erinnerungen verkauft. Kurz gesagt: Ich lebte überhaupt nicht.
    Das Einzige, von dem ich mich in meinem Leben zu trennen getraut hatte, waren die Haare. Sie wuchsen immer nach. Meine Mutter hatte mein erstes Haarbüschel verkauft, da war ich noch nicht ein Jahr alt. Sie selbst hatte nichts mehr zu geben. Meine Mutter hatte ihren Verstand verkauft, um mich zu bekommen, und mein Vater hatte nicht versucht, sie aufzuhalten. In ihren letzten Jahren war sie nur noch ein Schatten ihrer selbst.
Ich wollte nicht werden wie meine Mutter.

Draußen schneite es leicht. Eisblumen hatten die Fenster der Veranda erobert. Mein Atem dampfte, die Veranda war nicht beheizt. Der Koffer wartete brav neben der Tür. Der Gedanke an Großtante Auroras Beerdigung war nicht gerade verlockend. Es gehörte sich nicht, so zu denken, aber ich hatte sie in meinem Leben nur zwei- oder dreimal gesehen und bei diesen Gelegenheiten hatten wir uns auch nicht unterhalten.
Vom Hof ertönte ein Hupen. Ich hob den Koffer an und trat hinaus.
Mein Cousin wartete im Hof in einem Auto, das so neu war, dass es funkelte.
    „Hab ich letzte Woche gekauft“, sagte er, tätschelte das Armaturenbrett, schaute dann mich an. „Und bei dir alles beim Alten?“
    Ich nickte. In meinem Leben passierte nichts, was der Rede wert gewesen wäre, allerdings gab ich auch wegen etwas so Oberflächlichem wie einem Auto keine Stücke von mir weg. Ich hatte die Preise durchaus gesehen. Für jedes Extralachen musste man Tränen eindosen, zum Kauf von Freunden reichte kein unbedeutender Körperteil.
    Ich wagte nicht zu fragen, was mein Cousin gegeben hatte, obwohl auch ich ständig nach Intimitäten gefragt wurde. Wer noch alle Glieder hatte, wurde zum Kuriosum der Verwandtschaft und zur Besonderheit, die man belagern und bestaunen durfte.
    Gut gemeinte Ratschläge strömten aus jeder Richtung. „Für den Mount Everest sollte man sich die Finger aufsparen.“ „Ich musste mich zwischen der Hochzeit und meiner Milz entscheiden.“ „Vielleicht fändest du etwas schneller einen Freund, wenn du etwas abgeben würdest. Zwei oder drei Lebenstage mehr oder weniger am Ende, das merkst du dann nicht mal mehr.“
„Zehenjungfrau“, dachte sich ein Witzbold aus.
    Zehenjungfrau.
    Manchmal wollte ich entgegnen, dass ich lieber in einem Stück ins Grab wandern wolle, als Liebe zu erkaufen. Aber das klang überheblich. Ich mochte den Gedanken, dass auch ich einen Zweck hatte, so wie ich war. Dass mich etwas erwarte und ich auf etwas warten würde. Irgendwann wäre ich noch glücklich über meine Zehen, die alle noch übrig waren.
    Mein Cousin redete über dies und das und ich hörte mit halbem Ohr zu, bis mich plötzlich eine Frage aus dem Zählen der Telefonleitungen riss.
    „Wie viel ist wohl von Großtante Aurora übrig, was meinst du?“, fragte er.
    „Kann ich nicht sagen.“
    „Ist bestimmt wenig geworden“, vermutete er und hielt an einer Kreuzung. „Hat die eine Niere schon in den Siebzigern in Deutschland verkauft. Und mit dem einen Auge für das Studium dort bezahlt. Und die letzten Jahre ein echt wildes Leben geführt, wie man hört. Sich ihre Träume erfüllt. Das Schlimmste war natürlich, woran sie angeblich gestorben ist … Hoffentlich stimmt das Gerücht nicht.“
    „Welches Gerücht?“
    „Wäre hässlich, davon zu reden, wenn es doch nicht wahr ist.“
    Mein Cousin klappte den Mund zu wie eine Muschel.
    Die Fahrt im Schneegestöber fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Schließlich trafen wir am alten Friedhof ein. Ich nahm meine schwarzen Kleider aus dem Koffer und zog mich auf der beengten Toilette der Kirche um. Ich schlüpfte in Rock und Strumpfhose, die mich auf der stundenlangen Fahrt zu sehr ins Schwitzen gebracht hätten.
    Die ganze Verwandtschaft war da. Ich wurde offensichtlich gemustert. Das Mädchen hat immer noch nicht gelebt. Ich musterte sie ebenfalls, heimlich. Oma hatte einen neuen Gehstock. Einer meiner Cousins hatte einen Glatzkopf und einen Verband am linken Arm. Keiner von ihnen war vollständig. Einige hatten einen Teil von sich für ihre Kinder verkauft, andere, um gesund zu werden, einer für eine Weltreise. Alles war ihnen natürlich nicht anzusehen. Gott allein wusste, was sie alles verhökert hatten. Ich überlegte, wie viele Glieder ich verkaufen müsste, damit sie alle wieder wie früher wären. Dann wüssten sie wieder, wie es sich anfühlte, als Freak unter Freaks zu wandeln, zu leben, ohne zu leben.
    Ich hörte ihr Flüstern in meiner Vorstellung: Vielleicht hast du noch nichts gefunden, für das du bereit wärst, alles zu geben, es ist bestimmt angenehm, ein so leichtes und sorgenfreies Leben zu führen.
Sie verstanden nicht! Obwohl mein Vater mir nicht die Schuld am Schicksal meiner Mutter gegeben hatte, wusste ich, dass meine Mutter ohne mich nicht verrückt geworden wäre und sich nicht das Leben genommen hätte. Es war nicht richtig. Wenn sie dachten, mit einer solchen Last ließe es sich leicht leben, hatten sie keine Ahnung.
    Es wäre viel einfacher gewesen, wenn ich mich selbst in Stücke gehackt und meinetwegen eine Niere weggegeben hätte, sodass die Schuld verschwunden wäre, die an meinem Herzen nagte. Aber ich war nicht bereit. Doch keiner sagte etwas zu mir. Großtante Aurora musste beerdigt werden.
    Ich umarmte Oma und sprach ihr mein Beileid aus. Oma wischte sich die Tränen weg. Wir jüngeren Leute spürten die Wehmut, die das Begräbnis mit sich brachte, aber echte Trauer drang nicht bis in unsere Herzen.
Die Männer der Familie begannen, Erde in das Grab zu schaufeln. Sie prasselte auf den Sargdeckel. Zwischen zwei Birken lehnte sich eine dunkle Gestalt gegen einen Grabstein.
    „Wer ist das da?“, flüsterte ich.
    Mein Cousin wandte sich um und schnappte nach Luft. Er wurde ganz bleich.
    „Es ist wahr, das Gerücht ist wahr.“
    Er stupste seine Schwester an, also meine Cousine, und murmelte erschrocken etwas. Die wiederum stieß die Cousine unserer Eltern an. Bald tuschelte der ganze Kreis und zeigte zwischen die Birken, wo die schwarze Gestalt schwankte.
    „Was habt ihr denn?“, fragte ich verwundert.
    Auch die Schaufler hielten inne.
    „Erkennst du ihn nicht?“, fragte mein Cousin. „Das ist Pentti!“
    „Pentti, welcher Pentti?“
    „Onkel Pentti! Erinnerst du dich nicht? Er ist Auroras Mann.“
    „Aber der ist doch vor fünfzehn Jahren gestorben!“
    „Eben!“
    Pentti schwankte näher heran. Seine Kleider waren von Würmern zerfressen und seine Knochen schienen unter ihnen hervor, nur hier und da hingen Hautfetzen. Am besten erhalten waren die Haare. Er sah aus wie ein wandelndes Skelett, das halb vermodert und halb verwest war und das seine besten, wenn auch leicht angefressenen Lackschuhe und schwarzen Kleider trug.
    Die Männer begannen, in einem irren Tempo Erde auf unsere Großtante zu schaufeln, um das Grab zu füllen, bevor Pentti dazukäme. Das Skelett bewegte sich nicht besonders schnell. Schwäche breitete sich in meiner Brust aus. Ich wollte mich an etwas festhalten, aber es war niemand da, der mir so nahe gewe-sen wäre, dass ich mich getraut hätte. Also stützte ich mich auf das Nachbargrab.
    Großtante Aurora war begraben und ihr Mann seinem Grab entstiegen. Wer hätte es fertiggebracht, dafür ein Stück von sich zu verkaufen, wer hatte einen so entsetzlichen Wunsch? Oder war dies ein Produkt meines verdrehten Geistes, eine Halluzination, die im Schneegestöber entstanden war? Ich konnte nicht klar denken.
    Pentti torkelte zum Grab. Die Leute flohen vor ihm. Er plumps-te neben dem Erdhaufen zu Boden, mitten auf den schönen und großen Kranz. Die Blumen wurden unter seinen knochigen Knien zerquetscht.
    „Meine Aurora“, heulte Pentti auf. „Tot! Meine Frau!“

Der Leichenschmaus fand im Gemeindesaal statt. Der Kantor spielte Bach (das brachte den Großteil der Trauergesellschaft zum Weinen). Es gab Eintopf von Rentiergeschnetzeltem und danach Kaffee und Kuchen. Der Bruder meiner Tante sagte ein paar Worte, dann die Vertreterin der örtlichen Frauenvereinigung.
    Alle sprachen mit zitternder Stimme und ihre Blicke irrten dauernd zu Onkel Pentti hinüber. Er saß am Kopfende des Tisches, neben seinen Kindern, und weinte in seinen Kaffee. Und er war tot und lebendig zugleich.
    Niemand hatte Zeit, sich über mein langweiliges Leben zu wundern. Und dass ich mich so aufsparte, dass ich sicher einer Sekte beigetreten sei.
Ich glaubte einzig und allein daran, dass diese Welt nicht stimmte. All diese absoluten Entscheidungen, die Tauschgeschäfte, fühlten sich falsch an. Vielleicht hatte das Weltall selbst unseren Planeten für etwas Gelungeneres verkauft.
    Aber jetzt richtete sich alle Aufmerksamkeit auf Pentti. Alle wollten ihm etwas sagen, aber niemand traute sich. Er schien nicht zu begreifen, dass er tot sein sollte. Wenn er es doch begriff, so war er zu erschüttert vom Tod meiner Großtante. Pentti war damals neben seiner Frau eingeschlafen und am nächsten Morgen nicht wieder aufgewacht.
    Wir aßen Kuchen und Großtante Aurora lag im Grab und die zitternden und knochigen Hände ihres Mannes bekamen nichts zu fassen. Seine erschütterten Kinder wussten weder ein noch aus. Das war auch für sie zu viel. Sie hatten die Trauernachricht erhalten und ihren Vater begraben. Sie hatten weitergelebt und all das war fünfzehn Jahre her. Jetzt war auch ihre Mutter tot, aber sie durften sie nicht in Ruhe beerdigen.
    Und überall wurde geflüstert. Großtante Aurora ist doch nicht etwa daran gestorben … Ist sie wirklich daran gestorben, dass nichts mehr von ihr übrig war? Wie hätte sie genug haben können, um jemanden aus dem Grab zurückzuholen? Nein, wie konnte das sein, ihre Großtante! Ihre Mutter! Ihre Tante! Die Matriarchin der Familie.
    Ihre Verwitwung hatte Großtante Aurora in einen Schock versetzt, den sie aber überwunden zu haben schien. Sie hatte ein wildes Leben begonnen, wie mein Cousin gesagt hatte.
    Sogar ein bisschen zu wild, eindeutig.
    Tote sollten tot bleiben, so wollte es das Gesetz der Wünsche und Tauschgeschäfte und das wusste jeder, der im Vollbesitz sei-ner geistigen Kräfte war.
    Der Pfarrer sah besonders sauer aus. Schließlich erhob er sich, dankte für den Kaffee und ging, dabei murmelte er etwas davon, dass nur Gott das Recht habe, über die Lebenden und die Toten zu entscheiden. Wir mussten wohl eine sündige Sippe sein.
    Und mittendrin weinte und klagte Pentti.

Die Beerdigung war vorbei. Wer würde Pentti nach Hause bringen? Er war in schlechter Verfassung und furchtbar anzusehen und roch nach Erde. Seine Kinder waren so durcheinander, dass mein Cousin mir schließlich zuflüsterte, dass wir Pentti am besten ins Auto setzen und nach Hause bringen sollten.
    „Aber in wessen Haus?“, fragte ich.
    „In sein eigenes.“
    Einer der entfernteren Verwandten überlegte, was jetzt mit dem Erbe geschehe. Wie es aufgeteilt werde, wo Pentti jetzt doch zurück in Auroras Haus ziehe. Ich warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Auf einer Beerdigung über das Erbe zu sprechen, war taktlos.
    Wir lockten Pentti ins Auto. Er heulte die ganze Fahrt über und erkannte uns nicht. Wir waren fünf und sieben Jahre alt gewesen, als wir ihn zuletzt gesehen hatten.
    „Pentti“, sagte mein Cousin und sah unseren Großonkel im Spiegel an. „Wir bringen dich in dein altes Zuhause, in Ordnung?“
    „Was für ein Zuhause ist das noch, wenn Aurora nicht da ist! Gestern war sie es noch!“
    Penttis Stimme rasselte. Ein Wunder, dass von seinen Stimmbändern genug übrig war, um Laute zu formen.
    „Großtante Aurora ist vor zwei Wochen gestorben“, sagte ich leise. „Warum taucht Pentti erst jetzt auf?“
    „Vielleicht hat es gedauert, sich einen Weg an die Oberfläche zu graben“, überlegte mein Cousin.
    „Aber wie konnte er es zwei Wochen ohne Essen aushalten?“
    „Er sieht nicht so aus, als könnte er etwas essen, auch wenn er Kaffee getrunken hat. Wenn jemand auf diese Art zum Leben erweckt wurde, kann er vielleicht nicht einmal mehr sterben.“
    Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Das Entsetzen landete auf meiner Schulter und flatterte dort für den Rest der Fahrt.
    Wir fuhren zu Auroras und Penttis altem Zuhause, das ein altersschwaches Holzhaus mitten auf dem Land war. Schnee hatte den Hof bedeckt und das Auto mussten wir am Straßenrand stehen lassen. Pentti klagte den ganzen Weg über. Wir legten ihn in der Stube aufs Sofa und ich entfachte ein Feuer im Ofen und mein Cousin ging auf den Hof, um Schnee zu schippen.
    „Ich kann nicht leben“, sagte Pentti, den Blick an die Decke gerichtet.
    Die Standuhr tickte.
    „Ich fühle mich seltsam. Ich weiß nicht, wo ich gewesen bin. Als wäre keine Zeit vergangen, aber warum ist alles so anders als gestern!“
    Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich überlegte, ob ich Pentti erzählen sollte, dass er gestorben und wiedererweckt worden war, und dass Großtante Aurora in ihrer Verzweiflung und Einsamkeit offenbar etwas weggegeben hatte, dessen Fehlen ihr alter Körper nicht verkraftet hatte, als Preis dafür, dass ihr Mann zurückkehrte.
    Das war furchtbar falsch, allen gegenüber. Pentti gegenüber ganz besonders. Ich deckte ihn mit einer Wolldecke zu und versuchte, nicht in die schwarzen Augenhöhlen zu sehen. Ich wollte schon gehen, als er mit seiner knochigen Hand mein Handgelenk umklammerte.
    „Hilf mir“, krächzte er. „Hilf mir.“

Nach Penttis Rückkehr wandte sich alles zum Schlechten. Er weinte und war unglücklich, sprach dauernd von Aurora und war überhaupt nicht so wie vor seinem Tod. Pentti hatte keine konkrete Vorstellung von Zeit, und alle mieden seine Gegenwart. Seine Kinder wussten nicht, was sie tun sollten. Mein Cousin und ich mussten uns um Pentti kümmern. Mein Studium begann, darunter zu leiden.
    Niemand tadelte mich mehr wegen meines langweiligen Lebens. Niemand traute sich auch nur von Tauschgeschäften zu reden, nachdem bekannt wurde, was mit Pentti los war. Tauschgeschäfte waren nicht für Tote bestimmt.
Dunkelheit schien sich auf die gesamte Umgebung gelegt zu haben, und es war nicht die Schwärze des Winters. Sie war düster und verschluckte jede Freude.         Alles war durcheinander. Mein Cousin sagte, er denke darüber nach, seine Stelle zu kündigen, obwohl es dafür keinen vernünftigen Grund gab. Alle meine Blumen starben, als hätten auch sie die Beklemmung gespürt. Oma wurde dement. Mein Cousin und ich vermuteten, sie habe es mithilfe irgendeines Tricks fertiggebracht, die Krankheit selbst herbeizuführen, damit sie Penttis Auferstehung vergaß.
    Pentti war ein Mensch und er hatte Gefühle. Man konnte ihm nicht sagen, dass er eine Laune der Natur sei und seine Existenz alle ängstige.
    Die Kinder fürchteten sich vor Pentti, und seine depressive Stimmung deprimierte auch die Anderen. Er hatte ständig Schmerzen, war er doch nur noch Haut und Knochen. Wahrscheinlich verstand er einigermaßen, dass er nicht am Leben sein sollte. Das Leben in unserer Familie war schon immer ein Balanceakt zwischen zwei Extremen, aber hier war eindeutig eine Grenze erreicht.
    Auch ich fühlte mich zunehmend niedergeschlagen. Ich dachte viel öfter an den Tod als früher. Ich dachte an mein unnötiges Leben. Daran, dass ich nie bereit gewesen war und mich nie getraut hatte, etwas wegzugeben, weil ich die Folgen fürchtete. Folgen gab es immer. Die Anderen kümmerten sich einfach nicht um die Risiken. Sie lebten. Ich hatte meine Haare gegen meinen ersten Kuss getauscht. Der Junge hatte für den Abend meine Gesellschaft genossen. Am nächsten Tag hatte er über meine Igelfrisur gelacht. Meine beste Freundin hatte meine Tat missbilligt. Es sei mir ganz recht geschehen: Ich hätte mit Gefühlen gehandelt.
    Zwei Wochen nach Penttis Rückkehr starrte ich mich morgens im Spiegel an. Ich war in düsterer Stimmung und wählte schwarze Kleidung. Erst danach merkte ich, dass ich die Kleider von der Beerdigung übergestreift hatte. Ich frühstückte und versuchte, für eine Prüfung zu lernen, als es an der Tür klingelte. Es war mein Cousin. Er hatte schwarze Ringe unter den Augen und stand krumm wie eine schief gewachsene Zwergbirke.
    „Kannst du heute bei Pentti vorbeischauen? Ich weiß, dass ich an der Reihe bin, aber ich kann nicht mehr! Er weint nur und redet von Großtante Aurora, und irgendein entfernter Verwandter ist gekommen, um sich zu beschweren, dass die Stadtverwaltung verlangt, das Erbe an Pentti zurückzugeben, weil der gar nicht tot sei, aber er hat alles schon vor Jahren verschwendet! Und ich soll mich angeblich darum kümmern! Ich habe ihm all mein Geld gegeben und weiß nicht, warum.“
    Dann begann mein Cousin zu weinen. Ich versprach, zu Pentti zu fahren. Ich ging wieder ins Haus, um meine Sachen zu holen, und schaute erneut in den Spiegel.
    Ich hatte so viel übrig.
    Pentti so gut wie nichts.
    Er hatte nicht einmal genug Mensch in sich, um zu sterben, obwohl er nicht leben wollte. Aber niemand hatte es geschafft, ihn in seinen vorherigen Zustand zu bringen, zurück unter die Erde. Mein Cousin und ich hatten zwar in einem schwachen Moment versucht, ihn zu begraben, als er schlief, aber wir hatten ihn wieder ausgraben müssen, weil er angefangen hatte zu heulen und zu klagen, dass er keine Luft bekomme. Meine Tante und mein Onkel wollten nicht einmal von Pentti reden, sie hatten ihn komplett aufgegeben. Wir waren alle zu Monstern geworden. Nur Penttis Tod würde die Dinge wieder in Ordnung bringen, dachte ich, während ich das Auto startete.
Da verstand ich. Ich wusste, was richtig war.
    Ich fuhr zu Pentti. Er schluchzte im Schaukelstuhl.
    „Hallo, Pentti“, sagte ich. „Hast du etwas essen können?“
    Auf dem Tisch stand ein Teller verschimmelte Erdbeersuppe. In Penttis Nähe schien alles schneller zu verschimmeln. Es überzeugte mich nur davon, dass mein Beschluss richtig war.
    Pentti sah mich mit traurigem Blick an, seufzte. Ich versuchte, nicht auf seine Knochen zu schauen, die unter der Haut hervorschienen, und bemühte mich um ein munteres Lächeln.
    „Alles wird wieder gut“, sagte ich. „Ich bin hergekommen, um dir zu helfen, Pentti.“
    Ich steckte mir einen Spiegel in die Tasche und ging nach draußen. Die Nacht rauschte um mich herum. Der Friedhof schien mir der passende Ort für den Handel. Ich suchte die beiden schönsten Birken und bestimmte exakt den Mittelpunkt zwischen ihnen. Dann platzierte ich den Spiegel auf dem Boden.
    „Ich bin bereit“, sagte ich zu meinem Spiegelbild. Ich sah mir selbst in die Augen.
    Mein Spiegelbild erwachte und dehnte seinen Hals. Mein Spiegelbild änderte seine Form und kroch aus dem Rahmen, sammelte sich dann wieder, aber sah nicht mehr aus wie ich. Es hielt eine Axt in der Hand.
    Der Gott der Tauschgeschäfte betrachtete mich abschätzend. Was war übrig, was wegzuschneiden? Ich würde alles verschwenden, was ich je gespart hatte.
    Alles würde sich noch zum Guten wenden.